06.-08. Oktober 2017 | Konferenz zu Migration - Entwicklung - Ökologische Krise

Vom 06. bis 08. Oktober 2017 wird in Leipzig eine unter anderem von Afrique-Europe-Interact mitinitiierte Konferenz stattfinden, die sich aus einer praktischen und politischen Perspektive mit den Zusammenhängen zwischen Flucht und Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise auseinandersetzen soll.

Wenn wir von “praktischer und politischer Perspektive” sprechen, wollen wir zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht um eine wissenschaftliche Konferenz handeln soll, auch wenn wir uns wünschen würden, dass auch Wissenschaftler_innen zu Wort kommen. Vielmehr möchten wir zu einer grundsätzlichen Debatte mit ganz verschiedenen Akteur_innen einladen: Selbstorganisierten Geflüchteten und Migrant_innen, antirassistischen Gruppen, Klimaaktivist_innen, landwirtschaftspolitischen Netzwerken, Mitarbeiter_innen von NGO, Wissenschaftler_innen und allen anderen, die das Thema für wichtig und relevant erachten.

Die Idee zu der Konferenz hat sich auf den letzten beiden Klimacamps im Rheinland entwickelt (2015 und 2016: http://www.klimacamp-im-rheinland.de/), wo unter anderem das transnationale Netzwerk Afrique-Europe-Interact (https://afrique-europe-interact.net/) Workshops und Veranstaltungen auf der Degrowth-Sommerschule zum Zusammenhang von Migration und Klimawandel durchgeführt hat (Degrowth ist eine Bewegung in verschiedenen Ländern, die sich für eine Gesellschaft einsetzt, die das Wohlergehen aller Menschen weltweit zum Ziel hat und die die ökologischen Ressourcen schützt: https://www.degrowth.de/de/). In diesem Sinne sind es bislang vor allem Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact und aus Degrowth-Zusammenhängen, die zu dem ersten Vorbereitungstreffen einladen. Ansonsten ist aber noch alles offen – denn natürlich hoffen wir, dass wir noch viele weitere Mitstreiter_innen gewinnen können.

Aus Gründen, die wir gleich noch näher ausführen werden, macht die Konferenz aus unserer Sicht vor allem dann Sinn, wenn von Anfang an Geflüchtete und Migrant_innen an der Vorbereitung beteiligt sind. Das ist natürlich gar nicht so einfach. Denn viele selbstorganisierte Geflüchtete und Migrant_innen sind vor allem mit Aufenthaltskämpfen beschäftigt – insbesondere zur Zeit, wo Deutschland und andere EU-Länder dabei sind, Abschiebungen massiv zu forcieren. Um so wichtiger ist es, dass diese unterschiedlichen Realitäten von Leuten mit und ohne Flucht- bzw. Migrationshintergrund immer berücksichtigt werden.

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Im Folgenden möchten wir noch ein bisschen genauer schildern, was die Fragestellungen und Zielsetzungen der Konferenz sein sollen – jedenfalls gemäß unseres bisherigen Diskussionsstandes:

Der Zusammenhang zwischen Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise ist aus unserer Sicht absolut elementar. Denn natürlich ist es ausgesprochen zynisch und fatal, dass Flucht und Migration in Europa überwiegend unter Schlagworten wie Migrationskontrolle, Obergrenzen oder angeblich fehlende Integrationsbereitschaft diskutiert werden. Auf diese Weise wird vor allem der von Flüchtlingsselbstorganisationen bereits seit langem geprägte Slogan “Wir sind hier, weil ihre unsere Länder zerstört!” systematisch ausgeblendet. Demgegenüber möchten wir bei der Konferenz darüber diskutieren, welche Entwicklungsperspektiven mit Flucht und Migration verbunden sind. Persönlich haben die meisten Migrant_innen und Geflüchteten (ganz gleich, ob aktivistisch oder nicht) mehr oder weniger präzise Ideen, was Entwicklung für sie selbst, für ihre Familien, ihre Dörfer und Städte oder ihre Länder und Kontinente bedeuteten könnte bzw. sollte. Ganz ähnlich bei bewegungspolitischen und zivilgesellschaftlichen Aktivist_innen ohne persönliche Flucht- und Migrationsbezüge: Auch bei ihnen “klingelt” irgendwas im Kopf, wenn es um Entwicklung oder besser gesagt: selbstbestimmte Entwicklung geht.

Aber über sämtliche dieser Perspektiven wird nur selten öffentlich diskutiert. Eher im Gegenteil: Viele Aktivist_innen in Europa schrecken davor zurück, den Begriff der Entwicklung überhaupt zu benutzen, einfach deshalb, weil unter ihm in den Mainstream-Debatten allzu oft eine schlichte Kopie des zerstörerischen Gesellschaftsmodells der (kapitalistischen) Industrie- und Schwellenländer verstanden wird. Also jenes Modells, das sich unter anderem durch Kolonialismus sowie Entwicklungs-, IWF-Strukturanpassungs- und Globalisierungspolitik weltweit durchgesetzt und zudem maßgeblich die Vorstellungen davon gekapert hat, was unter einem guten Leben zu verstehen wäre. Hinzu kommt die Zuspitzung der verschiedenen ökologischen Krisen. Denn nachdem die reichen Industrieländer die natürlichen Ressourcen des Planeten vor allem in den letzten 150 Jahren massiv ausgeplündert bzw. zerstört haben, befindet sich die Welt in einem bedrohlichen Zustand – vor allem durch den Klimawandel. Ein einfaches “Weiter so!” verbietet sich deshalb von selbst. Bei der Konferenz soll entsprechend über ganz verschiedene Fragen diskutiert werden:

  • Aus welchen Gründen machen sich Geflüchtete und Migrant_innen auf den Weg – Stichwort: “Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!”. Welche Punkt sollten bei einem kritischen bzw. dokolonialen Diskurs zu Fluchtursachen im Mittelpunkt stehen?
  • Was meinen wir (egal aus welcher Perspektive wir sprechen), wenn wir das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung fordern? Geht es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen oder haben wir weitergehende Konzepte zur Veränderung ganzer Gesellschaften im Kopf? Ist es überhaupt sinnvoll von “Entwicklung” zu sprechen oder sollten wir andere Begriffe benutzen?
  • Welche alternativen Konzepte oder Strategien zum dominanten westlichen Entwicklungsmodell gibt es bereits? Was können wir von Konzepten wie “Ernährungssouveränität”, “Buen Vivir”, “Klimagerechtigkeit”, “Degrowth” oder “Post-Development” lernen?
  • In welchen Bereichen muss es auf globaler, nationaler und lokaler Ebene jeweils Veränderungen geben, damit überhaupt so etwas wie selbstbestimmte Entwicklung möglich ist?
  • Wie können Migrant_innen und Geflüchtete in Europa – oder die Diaspora-Communities insgesamt – alternative Entwicklungswege von unten in ihren Herkunftsländern politisch, finanziell und sozial unterstützen? Und wie können nicht-migrantische Aktivist_innen dabei mitwirken?
  • Inwieweit führt die Abschottungspolitik der EU dazu, dass genau solche Unterstützungen durch die Diaspora verhindert werden – vor allem dadurch, dass es keine Bewegungsfreiheit und somit auch keine zirkuläre Mobilität gibt?
  • In welche Richtung müssen sich die reichen Industrie- und Schwellenländer (einschließlich der transnationalen Verbraucherklassen in Nord und Süd) entwickeln, wenn es nicht endgültig zum ökologischen (Klima-)Kollaps kommen soll? Konkreter: Inwiefern müssen die Ökonomien der reichen Industrieländer schrumpfen bzw. durch andere Wirtschaftsweisen ersetzt werden, damit die Menschen in den seit Jahrhunderten arm gemachten Ländern des globalen Südens endlich Luft zum Atmen bzw. zur selbstbestimmten Entwicklung bekommen?

Abschließend noch ein Wort zur Geographie: Da Afrique-Europe-Interact zu den Initiator_innen der Konferenz gehört, haben wir bislang vor allem über westafrikanische Länder gesprochen, da die meisten Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact in Mali, Burkina Faso, Guinea und Togo leben und aktiv sind (wobei ausdrücklich betont sei, dass Afrique-Europe-Interact ein kleines Netzwerk ist, das sich ausschließlich aus ehrenamtlichen Basisinitiativen zusammensetzt). Aber das muss nicht so bleiben! Die Frage des Zusammenhangs zwischen Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise stellt sich auch für andere Länder und Weltregionen. Letztlich wird es also darum gehen, welche Aktivist_innen sich tatsächlich an der Konferenz beteiligten möchten.