29. November 2025 | «Das schwächt die Malier, sie leiden sehr!»
Aissata Soumaoro über die Treibstoffkrise in Mali und den Export von Erdnussmus. Im Gespräch berichtet Aissata Soumaoro (zur Person: siehe unten) zweierlei: Einerseits schildert sie am Beispiel des Frauenkollektivs Musow Lafia, wie sich die aktuelle Treibstoffkrise auf den Alltag der Menschen auswirkt. Andererseits berichtet sie von den ersten Exporterfolgen von Musow Lafia, das in der Lebensmittelherstellung tätig ist. Dieser Text ist im November 2025 in der Zeitung Nr. 19 von Afrique-Europe-Interact erschienen – die auch als Beilage der taz (29.11.), des Freitag (11.12.) und der Jungle World (11.12.) erscheint.
In den letzten Wochen haben terroristische Gruppen durch Angriffe auf Tanklaster [vgl. Seite 1] die Versorgung des Landes mit Treibstoff nahezu lahmgelegt. Wie erlebst Du die Situation in Bamako?
Seit 2012 hat vor allem in ländlichen Regionen im Norden und Zentrum Malis Krieg geherrscht. Doch jetzt sind wir auch in der Hauptstadt von der Krise betroffen! Seit vier Wochen gibt es kaum noch Treibstoff. Ausgerechnet hier, wo sich die gesamte Wirtschaft und Verwaltung befindet. Ich bin 35 Jahre alt und habe so etwas noch nie erlebt. Ich glaube sogar, dass es das in der Geschichte Malis noch nie gegeben hat. Alles läuft langsamer, die Märkte, das Internet – wir haben nur noch sechs Stunden Strom pro Tag. Das kannten wir schon vorher, aber jetzt funktionieren sogar die Generatoren nicht mehr, das ist wirklich kompliziert für die Unternehmen und alle Menschen, die auf Strom angewiesen sind. Zwischenzeitlich waren auch die Schulen geschlossen. Und der Müll stapelt sich vor den Häusern, weil es keine Müllabfuhr gibt. Das schwächt die Malier, sie leiden sehr! Wenn man die Menschen in den Warteschlangen sieht, die Alten, sie sind so still, ganz anders als sonst! Es ist schmerzhaft.
Und was bedeutet das für euer Kollektiv, das in der Herstellung unter anderem von Erdnussmus und Produkten aus Fonio-Getreide tätig ist?
Es gibt viele Lebensmittel-Messen, an denen wir mit unseren Produkten nicht teilnehmen können, weil die Transportkosten zu hoch sind, denn die Preise haben sich fast verdreifacht. Außerdem können sich viele Frauen nicht mehr die Fahrt zum Zentrum von Afrique-Europe-Interact im Stadtteil Djelibougou leisten, wo wir produzieren. Und oft haben wir auch kein Feuerholz, um die Erdnüsse zu rösten und unser Erdnussmus herzustellen. Andererseits gibt es gerade zurzeit eine große Nachfrage nach unseren Produkten. Also haben wir notgedrungen beschlossen, mehr von unseren gemeinsamen Einnahmen für die Anreise der Frauen zu verwenden, auch wenn das unseren Profit schmälert. Denn unsere Produkte sind Grundnahrungsmittel und unterliegen einer Preisbindung. Außerdem wollen die Frauen nicht immer zu Hause bleiben. Sie sind wegen der aktuellen Krise sehr gestresst, deshalb wollen sie auch zusammenkommen, um sich zu entlasten.
Die Terroristen wollen mit ihren Angriffen primär die Unterstützung für die Militärregierung brechen. Funktioniert das?
Nein, die Leute stehen zu 90 Prozent hinter den Militärs. Für mich stehen die Militärs für die junge Generation. Sie haben das Land in so großen Schwierigkeiten übernommen und wollen die wahre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für alle Malier*innen erreichen. Und ja, wir wollen das auch, wir wollen, dass unsere kollektiven Interessen anders vertreten werden, als es die Politiker*innen früher getan haben.
Die bekannte TikTokerin Mariam Cissé aus Tonka im Zentrum Malis wurde von Terroristen ermordet. Viele Menschen sind empört. Kanntest du sie auch?
Ja klar, Mariam Cissé war auf TikTok sehr beliebt, es gab viele Trauervideos für sie. Mich hat das auch sehr betroffen gemacht, sie hat unser Land so geliebt. Sie war auch eine wirkliche Feministin! Sie hat gesagt, was sie denkt und dass sie mit den dschihadistischen Terroristen nicht einverstanden ist. Und jetzt ist sie von uns gegangen – wie schon viele andere große afrikanische Aktivist*innen. Wir sollten dieser großartigen Frau ein Denkmal setzen und ihren Mut und ihre kreative Kraft würdigen. Sie wollte dieses Land wirklich voranbringen. So wie sie auch diesen monströsen Terroristen die Wahrheit entgegengeschleudert hat. Diesen Leuten, die unser schönes Land immer mehr destabilisieren wollen, die Timbuktu und Gao destabilisieren wollen, das Land der Heiligen – unseren Sahel, die Grundlage von allem. Mariam Cissé, sie war wirklich Gold wert. Ich würde auch gerne auf TikTok für mein Land so einstehen. Aber im Moment bin ich demoralisiert. Gleichzeitig werde ich gebraucht von meiner Familie, vom Musow Lafia-Kollektiv, von allen Menschen, die wir unterstützen.
Gerade muss ich an unsere gemeinsame Freundin bei Afrique-Europe-Interact denken, die kürzlich mit einer Fotoaktion dafür geworben hat, dass der Krieg und das Töten aufhören mögen [vgl. S. 1].
Ja, neulich war ich hier in Bamako mit einer anderen Aktivistin von Musow Lafia bei einem Frauenfriedenstag – alle Anwesenden in weißer Kleidung. Der ganze Saal weinte während der Rede einer der Organisatorinnen. Sie berichtete, dass sie dieses Töten unter Afrikanern als Schwächung des gesamten afrikanischen Kontinents empfinde. Ich selbst habe an diesem Tag auch sehr geweint, vor allem, als sie sagte, dass die Dschihadisten genauso Kinder von Malierinnen seien wie die Soldat*innen. Es sind also unsere Kinder, die sich gegenseitig umbringen. Sie sagte sogar, dass sie manchmal den Geruch von Blut rieche, wenn es vor ihrem Fenster zu regnen beginnt. Ihre Vision für 2030 lautet, dass wir alles dafür tun müssen, damit das Blutvergießen aufhören und wir Malier*innen mit gereinigtem Herzen einander die Hand reichen können. Wir brauchen ein anderes System, um miteinander zu sprechen, wir brauchen Dialog und keinen Krieg.
Lass uns noch kurz über Musow Lafia sprechen. Ihr habt erst jüngst den ersten größeren Export von Erdnussmus nach Deutschland gemacht. Wie war das für euch?
Die Frauen sind sehr froh darüber. Es war nicht einfach, Produzenten zu finden, die gute Erdnüsse anbauen – also ohne den häufig vorkommenden Schimmelpilz Aflatoxin. Hier sicherzustellen, dass unser Erdnussmus alle für den Export in die EU notwendigen Werte einhält, war sehr schwierig. Aber wir haben uns wirklich ins Zeug gelegt, was auch wegen euch möglich war – unseren europäischen Freund*innen von Musow Lafia. Ihr habt im Rahmen von Afrique-Europe-Interact alles vorfinanziert, ihr habt das Erdnussmus abgefüllt und die Gläser etikettiert. Ein großes Dankeschön! Und natürlich hoffen wir, dass sich die Produkte schnell verkaufen!
Was sind eure weiteren Pläne?
Wenn die Produkte verkauft sind, wollen wir hier in Bamako in neue Infrastruktur wie etwa einen vergrößerten Regenunterstand investieren. Danach wollen wir auch Radiosendungen machen und von unserem Export als Erfolgsprojekt berichten, auch um andere zu ermutigen. Wir haben außerdem Kontakt zu anderen Exporteurinnen aufgenommen, die Sheabutter oder getrocknete Mangos verkaufen. Ein weiteres Ziel wäre es, gemeinsam mit verschiedenen Initiativen in Mali den Export eines gemeinsamen Containers für den regelmäßigen Export zu organisieren. Auf lokaler Ebene möchten wir auch über die Gefahren von Aflatoxin aufklären und in den sozialen Medien darüber informieren, wo man gesunde Erdnüsse herbekommt. Ein neuer Produktionszyklus für Europa ist im Februar 2026 geplant.
Wie schätzt du die weitere Entwicklung in Bamako ein?
Ich glaube nicht, dass sich die Situation schnell verändern wird. Aber wir sollten optimistisch bleiben. Als Lösung bevorzuge ich langfristig Dialog statt Krieg und Töten. Auf jeden Fall stehen wir hinter unserer Regierung. Mali ist unser Kontinent, wir haben keinen anderen.
Aissata Soumaroro wurde 1990 als Kind malischer Migrant:innen in Gabun in Zentralafrika geboren. Doch sie ist schon früh mit ihren Eltern nach Bamako zurückgekommen, wo sie nach dem Schulbesuch eine Ausbildung als Krankenpflegerin gemacht hat. Heute ist sie Kleiderhändlerin – unter anderem zwischen Dakar und Bamako. Außerdem ist sie Koordinatorin des Frauenkollektivs Musow Lafia. 2011 gehörte sie zu den Mitbegründer:innen von Afrique-Europe-Interact.



