29. November 2025 | Terror im Sahel gegen ökonomische Infrastruktur
Wie westliche Medien über die Sahelländer einseitig berichten und die Krise verschärfen: Dieser Text ist im November 2025 in der Zeitung Nr. 19 von Afrique-Europe-Interact erschienen – die auch als Beilage der taz (29.11.), des Freitag (11.12.) und der Jungle World (11.12.) erscheint.
Am 13. November 2025 gedachte die Welt des 10. Jahrestags der islamistisch motivierten Terroranschläge von Paris, bei denen 130 Menschen getötet und 350 verletzt wurden. Auch in deutschen Medien erschienen zahlreiche Berichte. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte das Portrait eines jungen Mannes, der zwar den Anschlag in der Konzerthalle Bataclan unversehrt überlebt hat, aber einige Jahre später psychisch kollabierte und zwei Monate im Krankenhaus behandelt werden musste. Ist hingegen vom Sahel die Rede, ist von derart feinfühliger Berichterstattung wenig zu spüren. Vielmehr wird die ständige dschihadistische Gewalt mit jährlich mehreren tausend Toten genutzt, um die von der Bevölkerung mehrheitlich unterstützten Militärregierungen zu kritisieren.
Als im Oktober 2025 in Mali das zu Al Qaida gehörige Terrornetzwerk JNIM durch zahlreiche Anschläge auf Tanklaster für einen Benzinengpass sorgte und das gesamte Land lahm legte, hieß es in westlichen Medien unisono, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Militärs stürzen würden. Umgekehrt warnten diverse malische Wissenschaftler:innen vor Panikmache – unter ihnen der in Bonn forschende Soziologe Boubacar Haidara: «Die alarmistische Ankündigung einer möglichen Übernahme der Macht in Mali durch diese Gruppe [JNIM – die Redaktion] mit dem Ziel, das Land zu regieren, läuft darauf hinaus, den sicherlich spektakulären Folgen einer punktuellen Krise übermäßige Bedeutung beizumessen, anstatt eine Gesamtbewertung der Aktionen der JNIM und der tatsächlichen Fähigkeiten ihrer beobachtbaren militärischen Stärke vorzunehmen.»
Psychologische Kriegsführung
Der Hinweis von Boubacar Haidara richtete sich auch an westliche Länder wie die USA, Spanien oder Deutschland, die ihre Staatsbürger:innen zuvor zur Ausreise aufgefordert hatten, was in Mali als bedrohliches und gerüchteanfeuerndes Signal aufgefasst wurde. Aber es sollte nichts nutzen: Im Oktober und November 2025 fegte über das Land ein medialer Orkan, dessen Zutaten vor allem internationale Medien lieferten, auch mit Hilfe malischer Stimmen: Beim französischen Staatssender France24 behauptete der ehemalige Berater des 2020 gestürzten Präsidenten Ibrahim Boubacar Keita, dass die vitalen Funktionen des malischen Staates de facto von der JNIM wahrgenommen würden, während einer der bekanntesten verteidigungspolitischen Journalist:innen in Frankreich beim zweitgrößten französischen Nachrichtensender LCI meinte, dass sich in Mali nur noch die Frage stelle, ob das afghanische Taliban- oder das syrische HTS-Machtergreifungsszenario stattfinde. Und auch die Tageszeitung Le Figaro – Flaggschiff der Konservativen – titelte schlagzeilenträchtig: «In Mali hat sich das Chaos seit dem Abzug der Franzosen verschärft.».
Viele Menschen im Sahel sprechen von «psychologischer Kriegsführung». Sie empfinden den westlichen Blick als abwertend und verletzend. Und das umso mehr, als häufig die leise Botschaft mitschwingt, dass die Bevölkerung gegenüber moralischen Fragen gleichgültig sei – vor allem gegenüber zivilen Opfern des Antiterrorkampfes. Bezeichnend war daher die Erfahrung einer unserer malischen Mitstreiter:innen, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte ökonomisch armer Frauen stark macht. Als sie im November 2025 eine vor allem von türkischen Firmen getragene Waffenmesse in Bamako besuchte, wollte sie eigentlich ein patriotisches Zeichen setzen. Doch vor Ort wurde ihr – wie sie später berichtete – einmal mehr deutlich, dass die Waffen nicht dafür da seien, Tiere zu jagen, sondern Menschen zu töten. Und obwohl sie die Militärs vorbehaltlos unterstützt, teilte sie in den sozialen Medien ein Foto, auf dem sie mit einer modernen auf den Boden gerichteten Maschinenpistole zu sehen ist – eine Geste, die an den berühmten Romantitel «Nieder mit den Waffen» von Bertha von Suttner gemahnt.
Leerstellen und Handlungsoptionen
Insgesamt blendet die westliche Berichterstattung dreierlei aus: Erstens, dass der Terrorismus unter den demokratisch gewählten und prowestlich ausgerichteten Regierungen herangewachsen ist. Zweitens, dass es trotz der UN-Friedensmission MINUSMA in Mali und der französischen Antiterror-Mission Barkhane nicht gelungen ist, die ständige Ausweitung des Terrors zu verhindern. Und drittens, dass die Menschen die Militärputsche deshalb unterstützten, weil es in ihren Augen Korruption, Unterschlagung, Vetternwirtschaft, Straflosigkeit, Misswirtschaft und dergleichen mehr waren, die den Terrorismus überhaupt erst möglich gemacht haben. Ob die Militärs langfristig erfolgreicher sind, steht in den Sternen. Es gibt auch zahlreiche offene Fragen, nicht nur im Menschenrechtsbereich. Aber Europa sollte die Kooperation mit den Sahelländern nicht einstellen. Denn nahezu alle im Sahel betonen: Die Kooperation mit Ländern wie Russland, China oder der Türkei, ist keine Absage an das westliche Europa, sondern der Versuch, sich als ökonomisch marginalisierte und vom Terror betroffene Region mit 80 Mio. Menschen zu behaupten. Gefragt ist also Solidarität, nicht Geopolitik.



