November 2025 | «Ich wurde Opfer einer Vergewaltigung»
Die vier Interviewten leben im Rasthaus Baobab und stammen aus vier verschiedenen Ländern – ihre Namen wurden anonymisiert. Das Gespräch fand während der ARCOM-Konferenz im Oktober 2025 in Rabat statt.
Ich heiße Claudine und komme aus Togo, aus der Stadt Kara im Landesinneren.
Ich bin das einzige Kind meiner Familie und selbst alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Weil es meiner Mutter schon lange gesundheitlich schlecht geht, musste ich mich bereits früh um sie kümmern. Dafür fehlten mir aber stets die finanziellen Mittel. Eine entsprechende Arbeit konnte ich nicht finden. Ich beschloss, nach Marokko zu gehen, um Geld für meine beiden Kinder und meine Mutter zu verdienen, um sie versorgen zu können. Ich bin auf dem Landweg nach Marokko gekommen. Doch wenn ich gewusst hätte, was mir auf dem Weg durch die Wüste geschehen würde, wäre ich nicht aufgebrochen. Insgesamt war ich zwei Monate lang unterwegs. Unsere Gruppe bestand aus sechs Frauen und vier Männern. Wir reisten in einem LKW, danach fuhren wir in einem Pick-Up weiter. In der algerischen Wüste wurde ich Opfer einer Vergewaltigung. Die Männer in unserer Gruppe wurden entführt, weil sie uns helfen wollten. Ich habe den Kontakt zu ihnen verloren und weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben sind. Die Angreifer waren maskiert und haben uns zudem alles weggenommen, was wir bei uns trugen: Unsere Handys, unser Geld, einfach alles. Als ich ankam, musste ich feststellen, dass ich aufgrund der Vergewaltigung schwanger war. Doch als schwangere Frau ist es hier unmöglich, Arbeit zu finden. Ich sah mich dazu gezwungen, auf der Straße betteln zu gehen. Anders hätte ich nicht überleben können. Dann habe ich jemanden getroffen, der mir von der ARCOM erzählte und mir erklärte, dass dort Migrantinnen versorgt und untergebracht werden. Ich bin in das Büro von Papa Emmanuel [Emmanuel Mbolela – die Redaktion] gegangen und habe ihm meine Situation erklärt. Danach bekam ich einen Platz im Baobab. Als ich hier ankam, war mein Sohn bereits zwei Monate alt. Mir fehlen noch immer die notwendigen Mittel, um meine Kinder zu versorgen. Wegen des anstehenden Afrika-Cups ist es heute verboten zu betteln. Wenn man erwischt wird, kann es passieren, dass man in sein Heimatland abgeschoben wird. Meine Familie zu Hause in Togo denkt noch immer, dass ich hier arbeiten würde. Aber das ist nicht der Fall – ganz im Gegenteil. Zum Glück bekommen wir hier Essen und können gratis wohnen.
Mein Name ist Amira. Ich komme aus der Region Darfur im Sudan und ich bin gemeinsam mit meiner Schwester hierher geflohen.
Wir kamen über Ägypten, Libyen, Tunesien und Algerien nach Marokko. In Libyen wurden wir während mehrerer Wochen festgehalten. Unser Vater und unser Bruder wurden im Krieg getötet, als vor zwei Jahren ein Militärflugzeug abgestürzt ist. Von unserer Mutter fehlt jede Spur. Von Verwandten haben wir gehört, dass sie nach Libyen geflohen sei, aber sicher sind wir nicht. Die Überlebenden unserer Familie sind in alle Winde zerstreut und zu vielen haben wir keinen Kontakt.
Aufgrund unserer sexuellen Orientierung, und weil wir uns nicht so kleiden, wie es für traditionelle Muslime vorgeschrieben ist, sind wir hier starken Anfeindungen ausgesetzt. Wir haben bereits Drohungen erhalten – man hat uns gesagt, dass man uns zusammenschlagen würde, wenn wir uns nicht kleiden, wie sich das für muslimische Frauen angeblich geziemt. Zurück in den Sudan können wir nicht. Dort erwartet uns nur der Tod. Zum Glück sind wir hier im Baobab in Sicherheit.
Ich heiße Mariam und komme aus der Elfenbeinküste, genau genommen aus der Region Issia im Südwesten des Landes.
Ich stamme aus einer sehr armen Familie. Ich hatte einen Job als Industriearbeiterin und konnte ein bisschen Geld sparen. Dann wurde ich schwanger. Ich bin von zu Hause weggegangen, weil mein Gehalt für mich und mein Kind nicht gereicht hätte. Ich wollte der Armut entkommen, meine Mutter unterstützen und meinem Kind eine bessere Zukunft ermöglichen. Von einer Arbeitskollegin in der Fabrik habe ich dann den Kontakt zu einem jungen Mann aus Agadir bekommen, der mir versprochen hat, für mich die Bootsüberfahrt von Marokko nach Spanien zu organisieren. Dann habe ich mich auf den Weg gemacht und habe auf dem Landweg Mali, Senegal und Mauretanien durchquert. Die Reise klappte zunächst gut, doch an der Grenze zwischen dem Senegal und Mauretanien begannen die Probleme. Dort wurden wir drei Tage lang festgehalten. Ich war zu diesem Zeitpunkt im zweiten Monat schwanger und hatte große Angst, die Schwangerschaft wieder zu verlieren. Mit Gottes Hilfe habe ich es aber bis nach Marokko geschafft. In Agadir bin ich dann mit dem jungen Mann zusammengetroffen, der mir versprochen hatte, mich nach Spanien zu bringen. Er gab mir die Anweisung, in die Küstenstadt Ad-Dakhla weiterzureisen, die im Gebiet der Westsahara liegt. Von dort aus sollte ich gemeinsam mit anderen Migrant*innen in einem Boot auf die Kanarischen Inseln übersetzen. Aber es kam ganz anders als gedacht: In der Unterkunft, in die wir gebracht wurden, wurden wir ausgeraubt – Banditen nahmen uns unsere Wertgegenstände, unser Geld und unsere Handys ab. Ob der junge Mann dahintersteckt, der mein Reiseorganisator sein sollte, weiß ich nicht. Ich überlebte nur dank der Hilfe einiger ivorischer Frauen, die ebenfalls in Ad-Dakhla gestrandet waren und die mir in dieser Zeit der Not zu essen gaben und mir ab und zu 10 oder 20 Dirham zusteckten. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich nach Rabat durchzuschlagen. Hier wurde ich im Baobab aufgenommen. Sechs Tage nach meiner Ankunft habe ich meinen Sohn geboren.
Mein Name ist Abeni. Ich bin Tochter von Bauern und komme aus der Stadt Birao, die im Norden der Zentralafrikanischen Republik liegt.
Ich habe mein Land im Jahr 2023 aufgrund des Krieges verlassen. Das Dorf, in dem ich lebte, wurde von Soldaten überfallen und geplündert. Mir wurde schlimme Gewalt angetan und ich musste Hals über Kopf meine drei Kinder und meine Eltern zurücklassen. Über Kamerun und Niger bin ich nach Algerien gekommen. Bei der Durchquerung der Sahara habe ich viel gelitten. Ich wurde mehrere Wochen lang in der algerischen Wüste festgehalten. Zum Glück kam ich frei und reiste über die Stadt Oujda, die im Osten Marokkos liegt, weiter nach Rabat. Als ich hier ankam, wurde ich krank. Bald darauf sagte man mir, dass ich durch die Gewalt, die ich beim Überfall der Soldaten in meinem Heimatdorf erlitten hatte, ein Kind erwarten würde. Hier in Rabat hat man mich zum Büro des UNHCR geschickt. Da es dort aber keine Unterkünfte für Geflüchtete gibt, leiteten mich die Verantwortlichen zur ARCOM weiter. Seit zwei Monaten lebe ich nun hier – und zum Glück konnte ich meinen Frieden finden. Mein Kind wird ohne Vater aufwachsen, aber was bleibt mir anderes übrig, als mein Schicksal anzunehmen? Wir leben hier zusammen – verschiedene Frauen aus unterschiedlichen Ländern. Jede hat ihre Geschichte. Wir teilen das essen und haben ein Dach über dem Kopf. Das ist das Wichtigste. Die Mitarbeiter*innen der ARCOM helfen uns, als ob sie unsere Eltern wären. Das Schlimmste liegt hinter mir, aber die Traumatisierungen bleiben. Ich bitte Gott, dass er mich beschützt und mir bei der Geburt meines Kindes beisteht.



