November 2025 | «...und das Sterben nimmt kein Ende»
In dem Gespräch berichtet Emmanuel Mbolela [zur Person: siehe unten] über die Jubiläumskonferenz der ARCOM, über die Kämpfe der ARCOM um Bewegungsfreiheit 2005-2025 und über das Rasthaus Baobab in Rabat. Das Gespräch hat im Oktober 2025 in Rabat stattgefunden.
Wie schätzt du die aktuelle europäische Migrationspolitik ein? Wohin hat sie sich in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt?
Der Anlass zur Gründung der ARCOM waren die Ereignisse von Ceuta und Melilla im Jahr 2005. Damals starben etliche Menschen beim Versuch, die Grenzzäune der beiden spanischen Enklaven zu überwinden und Europa zu erreichen. Seit dieser Zeit beobachte ich die Entwicklung der europäischen Migrationspolitik genau – und leider muss ich feststellen, dass sich seither nichts grundlegend verändert hat: Die Mauern und Zäune werden immer höher gezogen und das Sterben im Mittelmeer und in der Wüste nimmt kein Ende. Jedes Jahr werden hunderte Millionen Euro für den so genannten Grenzschutz bereitgestellt, während die Entwicklungshilfegelder gekürzt werden. Gerade in Zeiten der Klimakrise ist das dramatisch – denn die Anpassung an die Erderhitzung kostet Geld, das die afrikanischen Länder nicht haben. Gleichzeitig werden die natürlichen Ressourcen des Kontinents weiterhin geplündert – in den letzten beiden Jahrzehnten gehören dazu auch strategisch wichtige Rohstoffe, die Europa für die Digitalisierung und für die Grüne Wende braucht.
Warum handelt die EU in dieser Weise und welche Auswirkungen hat ihre Migrationspolitik auf die Länder des Maghreb?
In fast allen EU-Mitgliedsstaaten, in denen in den letzten Jahren Wahlen stattfanden, haben rechte und rechtsextreme Parteien dazugewonnen. Diese Parteien verfolgen keineswegs ein politisches Projekt, das das tägliche Leben der Menschen in Europa verbessern könnte. Im Gegenteil: Rechte Parteien suchen lediglich einen Sündenbock für die ökonomische und ökologische Krise und schieben die Schuld an allen gesellschaftlichen Missständen auf die Migration. Und genau deshalb wird Druck auf die Länder Nordafrikas ausgeübt, um sie in die Rolle der Grenzwächter der EU zu drängen. Hier möchte ich die gemeinsame Arbeit würdigen, die während unserer Konferenz in den Workshops geleistet wurde. Denn der intensive Austausch mit Aktivist*innen aus Libyen, Tunesien, Mauretanien, Niger und Mali ermöglichte es, sich ein genaueres Bild vom Ausmaß der Gewalt zu machen, das den Migrant*innen in diesen Ländern entgegenschlägt. Die Konferenz wurde auch dazu genutzt, um über Gegenstrategien nachzudenken und Hilfsmaßnahmen auf den Weg zu bringen.
Welche Wechselwirkung zwischen den aktuellen Jugendprotesten in Marokko und der Migration siehst du? Wie beurteilt die marokkanische Gesellschaft die Migration – sei es aus Subsahara-Afrika nach Marokko oder von Marokko nach Europa?
Die Gewalt gegen die Migrant*innen ist auch deshalb irritierend, weil ein Großteil der marokkanischen Jugend lieber heute als morgen das Land in Richtung Europa verlassen würde. Der marokkanische Staat muss sich eingestehen, dass die Jugend des Landes letztendlich ähnlichen Problemen gegenübersteht, wie das bei vielen Menschen aus Subsahara-Afrika der Fall ist: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Armut und fehlende Freiheitsrechte. Diese Unzufriedenheit kommt in Marokko aktuell bei den Protesten der Gen Z zum Ausdruck. Wenn das marokkanische Königreich nicht auf die Forderungen der Jugend nach sozialer Gerechtigkeit eingeht, werden in Zukunft noch mehr junge Marokkaner*innen auswandern – und dies auf den gleichen gefährlichen und halsbrecherischen Routen wie die Menschen aus Subsahara-Afrika. Wie dramatisch die Situation ist, wurde während der Konferenz durch die berührenden Berichte von Familienangehörigen deutlich, deren Angehörige während der Überfahrt auf dem Mittelmeer ums Leben gekommen sind.
Aktuell sticht besonders die dramatische Situation der Geflüchteten aus dem Sudan heraus. Gleichzeitig hat die Migration aus West- und Zentralafrika keineswegs abgenommen. Wie wird sich die Situation weiterentwickeln?
Aktuell ist zu beobachten, dass sich eine Reihe von bewaffneten Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent verschärfen. Ich möchte hier auch an die Lage im Ostkongo erinnern. Dort lodert der Konflikt mit den östlichen Nachbarländern immer wieder auf – die internationalen Begehrlichkeiten nach den Rohstoffen der Region tun ihr übriges. Gleichzeitig stimmt es absolut, dass die Lage der Geflüchteten aus dem Sudan besonders beunruhigend ist. Während es vor wenigen Jahren noch selten war, einen Migranten oder eine Migrantin aus dem Sudan auf den Straßen von Rabat anzutreffen, sieht man sie heute allerorts. Die Kriege im Ostkongo und im Sudan zählen zu den vergessenen Konflikten unserer Zeit. Wir müssen alles dafür tun, um das Töten dort zu beenden und den Geflüchteten aus diesen Ländern zu würdigen Lebensbedingungen zu verhelfen. Wir leisten unseren Beitrag, indem wir im Baobab sudanesische Migrantinnen beherbergen.
Die Konferenz in Rabat war mit Sicherheit ein großer Meilenstein. Wie beurteilst du die Arbeit der ARCOM während der letzten 20 Jahre?
Ich will offen sein: Als die Konferenz eröffnet wurde, hatte ich Tränen in den Augen. Als Gründungsmitglied der ARCOM war es für mich sehr bewegend zu sehen, dass dieser kleine Verein, den wir vor 20 Jahren in einem Ghetto eines Arbeiterviertels von Rabat gegründet haben, eine solche Größe erreicht hat und so viele Menschen aus verschiedensten Ländern zusammenbringen konnte. Die große Beteiligung von Geflüchteten und Migrant*innen, von marokkanischen Institutionen und internationalen Organisationen zeigt die Wertschätzung und Anerkennung, die der ARCOM entgegengebracht wird. In den 20 Jahren ihres Bestehens hat die ARCOM eine beachtliche transnationale Zusammenarbeit auf die Beine gestellt, die ohne die Einbindung in unser Netzwerk Afrique-Europe-Interact nicht möglich gewesen wäre. Im Zentrum von alldem steht natürlich das Frauenhaus Baobab. Die vielen Diskussionen und Präsentationen sowie die kulturellen und künstlerischen Darbietungen, die die Jugendlichen und Kinder der ARCOM während der Konferenz zur Aufführung brachten, waren ein unwiderlegbarer und greifbarer Beweis für den Erfolg der Konferenz. Ich möchte abschließend die Gelegenheit nutzen, um allen Personen, Vereinen und Organisationen zu danken, die das Frauenhaus mit aufgebaut haben – sei es durch ihr Engagement vor Ort, durch Öffentlichkeitsarbeit in Marokko und Europa oder durch ihre Spenden – auf diese Weise konnten unzählige Leben gerettet und die Stimmen der Geflüchteten hörbar gemacht werden.
Emmanuel Mbolela wurde 2002 während Studierendenprotesten in der Demokratischen Republik Kongo verhaftet und musste anschließend das Land verlassen. Über den Landweg gelangte er nach Marokko, wo er 2005 die migrantische Selbstorganisation ARCOM mitbegründete. 2008 kam er im Rahmen des UNHCR-Umsiedlungsmechanismus nach Europa und engagierte sich von Anfang an bei Afrique-Europe-Interact. 2015 veröffentlichte er sein Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Durch Spendensammlungen bei seinen Lesereisen konnten wir 2015 gemeinsam mit ARCOM ein Rasthaus für Frauen und ihre Kinder in der marokkanischen Hauptstadt Rabat eröffnen. Emmanuel Mbolela ist Koordinator des Rasthauses, zudem ist er in der kongolesischen Exil-Community aktiv.



