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Juni 2018 | Postkoloniales Vampirsystem

Das Erstarken dschihadistischer Bewegungen im Zentrum Malis hat viel mit staatlicher Korruption und Willkür im Landwirtschaftssektor zu tun

Im Februar 2018 sind Vertreter_innen der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON mit Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact 7 Tage im Office du Niger unterwegs gewesen (vgl. Newsletter Nr. 14). In diesem Zusammenhang hat auch die derzeit prekäre Sicherheitslage im Office du Niger eine größere Rolle denn je gespielt. In diesem Sinne berichtet der hier dokumentierte Artikel über einige der Hintergründe. Der Text stammt von Olaf Bernau, der ebenfalls an der Delegation beteiligt war, er ist erschienen in: Südlink 184 – Juni 2018 (Einsatz für die Menschenrechte: Warum er nötiger ist denn je).

Der radikale Islam in Mali ist längst nicht mehr auf den Norden des Landes beschränkt. Vor allem in der zentral gelegenen Region Office du Niger wächst der Einfluss dschihadistischer Bewegungen. Dort hatte bereits im 19. Jahrhundert ein extrem orthodoxer Islam großen Einfluss. Dschihadistische Gruppen präsentieren sich den Bauern und Bäuerinnen als bessere Alternative zu einem Staat, den sie auch nach der Entkolonialisierung als ausbeuterisch und repressiv erleben.

Als Teil der UN-Friedensmission MINUSMA sind seit Juli 2013 über 11.000 Soldat*innen im westafrikanischen Mali stationiert. Hinzu kommen knapp 2.000 Polizist*innen und Zivilangestellte der Vereinten Nationen, die EU-Ausbildungsmission EUTM und rund 1.000 französische Elitesoldat*innen, die im Rahmen der „Operation Barkhane“ gegen bewaffnete Dschihadisten im Norden Malis vorgehen. Umso bemerkenswerter ist, dass die Kette der schlechten Nachrichten nicht abreißt – trotz dieses großen Militärapparates, an dem auch Deutschland mit bis zu 1.300 Soldat*innen beteiligt ist.

So sind zwischen dem 26. April und dem 1. Mai 2018 bei drei Anschlägen nahe der malisch-nigrischen Grenze mindestens 60 Personen ums Leben gekommen, darunter auch Kinder und Greise. Die Journalistin Charlotte Wiedemann zitiert einen Angehörigen der malischen Streitkräfte, wonach in Mali täglich zwei Soldat*innen und eine Zivilperson bei gewaltsamen Auseinandersetzungen sterben. Dramatische Zahlen, die auch damit zu tun haben, dass sich der Konflikt schon lange nicht mehr auf den Norden beschränkt, also jenen überwiegend in der Wüste gelegenen Landesteil, der zwischen April 2012 und Februar 2013 in die Hände einer internationalen Dschihadisten-Clique gefallen war.

Vielmehr kommt es seit 2015 auch im Zentrum des Landes regelmäßig zu massiver Gewalt, hier jedoch vor allem durch malische Akteure: Einige agieren als gewöhnliche Kriminelle, die die Schwäche und häufig auch Abwesenheit staatlicher Sicherheitskräfte für Überfälle, Drogenhandel oder Selbstjustiz nutzen. Andere verbinden soziale Forderungen mit dschihadistischer Ideologie – zu erwähnen ist in erster Linie die „Befreiungsfront Massina“ des radikalen Islampredigers Amadou Koufa: Sie verübt Anschläge auf staatliche Einrichtungen, ergreift aber auch bei aktuellen Streitfällen Partei, etwa bei Landkonflikten zwischen wohlhabenden bäuerlichen Haushalten und (halb-)nomadische Viehhirten. Die Anhänger von Amadou Koufa verstecken sich nicht. Wo sie in Erscheinung treten, propagieren sie ein strenggläubiges Regelwerk, auch wenn sie (noch) keine Möglichkeit haben, dieses durchzusetzen: Frauen sollen sich verschleiern, Männer knöchellange Hosen tragen, weltliche Musik lehnen sie ab.

Wo Radikalisierung auch aus Korruption und staatlicher Willkür entsteht
Zu den im Zentrum Malis gelegenen Regionen, in denen islamistische Akteure immer offensiver auftreten, gehört auch das Office du Niger, ein riesiges Bewässerungsgebiet 270 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bamako. So wurde in der Provinzhauptstadt Niono im November 2017 der örtliche Richter entführt, eine Bombe mit geringer Sprengkraft beschädigte Anfang 2018 eine große Schleuse, hinzu kommen mehrere ungeklärte Mordfälle. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet das Office du Niger Schauplatz derartiger Gewalt geworden ist: Die Region steht seit Jahrzehnten stellvertretend für staatliche Willkür und Korruption, insbesondere bei Landfragen. Sie ist insofern als Nährboden für radikale Islamisten geradezu prädestiniert, ungeachtet dessen, dass es nur eine kleine Minderheit in der Bevölkerung sein dürfte, die den Dschihadismus tatsächlich befürwortet.

Ein Blick zurück: Das Office du Niger ist eines der ältesten, größten und teuersten Entwicklungsprojekte in Westafrika: Unter Rückgriff auf tausende Zwangsarbeiter*innen ließ die französische Kolonialmacht seit 1932 den gigantischen Markala-Staudamm errichten, wodurch der Niger aufgestaut und die Möglichkeit geschaffen wurde, mittels eines weit verzweigten Kanalsystems eine riesige Fläche in der eigentlich völlig trockenen Sahelzone zu bewässern. Geplant war ursprünglich der Anbau von Baumwolle für die französische Textilindustrie sowie von Reis für die französischen Kolonien in Westafrika – und zwar auf einem Gebiet von 18.500 Quadratkilometern, was zwei Drittel der Fläche des heutigen Belgiens entsprochen hätte. Doch die gigantomanischen Pläne sollten scheitern: Die Wartung des Kanalsystems war kaum zu bewältigenr, das Klima entpuppte sich als ungeeignet für den Anbau von Baumwolle und ein Drittel der gegen ihren Willen angesiedelten Bauern und Bäuerinnen verließ das Office du Niger wieder, nachdem die Zwangsarbeit 1946 offiziell abgeschafft wurde. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren gerade mal 50 Quadratkilometer erschlossen, zudem musste der Anbau von Baumwolle eingestellt werden.

Gleichwohl pumpte Frankreich weiterhin enorme Geldsummen in das Projekt: bis zum Ende der Kolonialzeit circa 175 Millionen US-Dollar, während die zu Französisch-Westafrika gehörige Kolonie „Soudan“ (das heutige Mali) gerade mal 1,2 Millionen Dollar jährlich erhalten hat. Darüber hinaus sollte sich auch das despotische Regime gegenüber den Bauern und Bäuerinnen fortsetzen – auch nachdem Mali 1960 die Unabhängigkeit erlangt hatte: Sowohl unter dem sozialistischen Präsidenten Modibo Keita (1960-1968) als auch unter dem Militärdiktator Moussa Traoré (1968-1991) sahen sich die bäuerlichen Haushalte mit Zwangsbewirtschaftung konfrontiert – einschließlich einer äußerst repressiven Wirtschaftspolizei, die dafür sorgte, dass die Bauern und Bäuerinnen die penibel vorgeschriebenen Produkte ausschließlich über staatliche Vertriebswege absetzten.

Auf Druck von IWF und Weltbank – bei gleichzeitiger Beteiligung auch der Bundesrepublik Deutschland – ist es seit 1978 zu einem umfassenden administrativen und technischen Neuanfang im Office du Niger gekommen. Geblieben ist allerdings das kommandowirtschaftliche System1. Drei Aspekte seien stellvertretend hervorgehoben:

Erstens haben trotz permanenten Bevölkerungswachstums tausende Familien in den letzten drei Jahrzehnten keine zusätzlichen Ackerflächen seitens der Verwaltung des Office du Niger erhalten – mit der Konsequenz, dass die durchschnittlichen Brachezeiten von 15 Jahren in den 1970er Jahren auf mittlerweile 0 bis 2 Jahre zusammengeschmolzen und die Erträge pro Hektar dementsprechend gesunken sind. Zusammen mit hohen Dünger-, Wasser- und Saatgutpreisen führt dies zu dramatischen, auch aus anderen Weltregionen hinlänglich bekannten Verschuldungsspiralen.

Zweitens werden die ohnehin prekären Bodenverhältnisse im Office du Niger zusätzlich dadurch verschärft, dass die Behörden Land entschädigungslos konfiszieren können, sobald die Nutzer*innen mit der Wasserrechnung in Verzug geraten sind. Dieser bei Bedarf auch mit Gewalt durchgesetzte Verwaltungsakt geschieht unabhängig davon, ob das Land seit 3, 10 oder 30 Jahren bestellt wurde. Ebenfalls keine Rolle spielen die Gründe des Zahlungsverzugs – ganz gleich, ob Schädlingsbefall aufgetreten ist oder die zentral gewarteten Abflusskanäle verstopft waren und die gesamte Reisernte im nicht abgeflossenen Wasser vergammelt ist. Bemerkenswert ist zudem, dass beschlagnahmte Flächen häufig nicht in den allgemeinen Landpool zurückfließen. Vielmehr reißen sich immer wiederkorrupte Mitarbeiter*innen des Office du Niger das Land selbst unter den Nagel, gemeinhin um es informell an landlose Bauern und Bäuerinnen weiterzuverpachten.

Drittens hat die malische Regierung auf Druck der Weltbank und anderer internationaler (Finanz-)Akteure seit 2003 im Office du Niger mindestens 540.000 Hektar Boden an Großinvestoren verpachtet und über weitere 379.000 Hektar Vorverträge abgeschlossen (Stand: Mai 2011) – mit der durchaus zutreffenden Begründung, dass dem malischen Staat die finanziellen Mittel fehlen würden, das Land selbst mit Kanälen zu erschließen. Offiziell erfolgen derartige Pachtverträge ausschließlich auf ungenutztem Land oder im Zusammenhang mit Umsiedlungen, doch de facto haben bereits tausende Bauern und Bäuerinnen ihre landwirtschaftlichen Flächen entschädigungslos verloren. Außerdem sind die Durchzugswege der im Office du Niger äußert stark vertretenen Viehhirten stark beschnitten worden.

Mechanismen der Radikalisierung

Spätestens vor diesem Hintergrund dürfte verständlich werden, weshalb das von Bauernaktivist*innen als postkoloniales „Vampir-System“ titulierte Office du Niger selbst eine entscheidende Verantwortung für das Erstarken islamistischer Bewegungen auf seinem Territorium trägt. Dabei sind es im Zentrum Malis vor allem Angehörige der (halb-)nomadisch von der Viehwirtschaft lebenden „Peul“-Community (auch bekannt unter dem englischen Begriff der „Fulani“), die als Protagonisten dschihadistischer Bewegungen wie der Massina-Front fungieren. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Ein sehr wichtiger ist sicherlich, dass in Westafrika bereits im 19. Jahrhundert mehrere maßgeblich von Peul-Communties getragenen Reiche entstanden sind (wie das Massina-Reich im heutigen Mali oder das Kalifat von Sokoto im heutigen Nigeria), die seinerzeit ebenfalls einen extrem orthodoxen Islam als Alternative zu korrupten und brutalen Herrschaftsstrukturen propagiert haben.

Kurzum: Bei allen sorgfältig zu beachtenden Unterschieden ist offenkundig, dass der Islamismus in Westafrika strukturell das Ergebnis ähnlicher Mechanismen ist wie Donald Trump in den USA oder rechtspopulistische Bewegungen in Europa. Daran kann auch der Umstand nichts ändern, dass die allermeisten Bauern und Bäuerinnen im Office du Niger dschihadistische Bewegungen entschieden ablehnen und daher auch einschneidende, der Terrorbekämpfung dienende Maßnahmen wie mehrmonatige Fahrverbote für Mopeds und Pickups oder gesperrte Straßen ab 19 Uhr bereitwillig hinnehmen.

Noch im Jahr 2015 war es möglich, sich vergleichsweise problemlos im gesamten Office du Niger zu bewegt. Heute hingegen gilt das Gebiet als „rote Zone“. Selbst Dörfer, wo noch im Februar 2016 öffentliche Aktionen stattgefunden haben, sollten ohne Sicherheitsgarantie seitens der Dorfchefs nicht mehr besucht werden. Dies zeigt – auch in grundsätzlicher Perspektive –, dass an einer politischen, administrativen und ökonomischen Demokratisierung des Office du Niger kein Weg vorbei führt.

Olaf Bernau hält sich regelmäßig in Mali auf, er ist bei Afrique-Europe-Interact aktiv. Weitere Infos: www.afrique-europe-interact.net.