Für Bewegungsfreiheit & selbstbestimmte Entwicklung!

Newsletter Nr. 11 (März 2017)

Dieser Newsletter ist ungewöhnlich lang, weshalb sich gleich zu Beginn zur besseren Orientierung und ggf. zum punktuellen Lesen ein Inhaltsverzeichnis findet – samt einleitender Vorbemerkung.

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I. Vorbemerkung: >>> Zu diesem Newsletter; >>> Spenden

II. Migration: >>> Erste Schritte zu einem Alarmphone Sahara; >>> Pressekonferenz in Bamako: Massive Schikanen auf den Migrationsrouten Richtung Norden; >>> Als Paket gefesselt nach Mali // Öffentliche Versammlung (“Assemblée Populaire“) in Bamako; >>> Afrique-Europe-Interact in Tunesien; >>> taz-Rechercheprojekt zu Flucht und Migration aus Afrika; >>> Rasthaus in Rabat

III. Selbstbestimmte Entwicklung: >>> Februar 2017: Vollversammlung der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON im Office du Niger; >>> Kredit für COPON; >>> Untersuchungskommission der Afrikanischen Entwicklungsbank in Sanamadougou und Sahou; >>> Widerstand von unten: Soukoutadala und weitere Dörfer in der Region Kita (Mali) // “Pirogenambulanz”; >>> Fehlende Gesundheitsversorgung – Lepra in Soukoutadala // Behandlung in Bamako; >>> Eine Motorpumpe für das Frauenkollektiv in Sitanikoto; >>> Fasokele: Ökologisches Künstler_innendorf in Guinea; >>> 8. März und Frauenkooperative in Bamako; >>> Konferenz zu Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise in Leipzig;

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I. Vorbemerkung:

a) Zu diesem Newsletter

Wie schon angemerkt, der vorliegende Newsletter ist ungewöhnlich lang, zudem konzentriert er sich primär auf die Aktivitäten unseres Netzwerks in Mali bzw. Westafrika. Hintergrund ist, dass Afrique-Europe-Interact zwischen Dezember 2016 und Februar 2017 schwerpunktmäßig in Westafrika aktiv gewesen ist – auch mit neuen Projekten wie dem “Alarmphone Sahara” oder einer “Pirogenambulanz” auf dem Fluss Bafing, die sich nicht ohne weiteres von selbst erklären. Hinzu kommt, dass wir unsere Aktivitäten in den Bereichen Migration und selbstbestimmte Entwicklung als eine Art Gegenprogramm zur repressiven sowie extrem kurzsichtigen Politik der Fluchtursachenbekämpfung begreifen, wie sie seitens der EU derzeit im Rahmen des Valletta-Prozesses betrieben wird. Auch das ist ein Grund, weshalb es uns wichtig ist, an mehreren Punkten etwas stärker ins Detail zu gehen, nicht zuletzt um Platz für Reflexion und Debatte zu schaffen. Verwiesen sei schließlich darauf, dass wir zu mehreren Aktivitäten auch Bilderstrecken erstellt haben, die sich auf unserer Webseite befinden und die das Gesagte auf zum Teil sehr eindrückliche Weise bebildern.

b) Spenden

Viele der im Folgenden geschilderten Aktivitäten sind dringend auf Spenden angewiesen, insbesondere einige der größeren Projekte. In diesem Sinne sei ausdrücklich angemerkt, dass wir stets steuerlich absetzbare Spenden suchen, gerne auch als kontinuierliche Spenden im Lastschriftverfahren, was unsere Planungssicherheit enorm erhöht:

“Spendenformular:“https://afrique-europe-interact.net/1541-0-Spendenformular.html

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II. Migration

a) Erste Schritte zu einem Alarmphone Sahara

Bilderstrecke

Im Oktober 2014 war Afrique-Europe-Interact an der Gründung des Watch The Med Alarmphone beteiligt – einer Notrufnummer für Geflüchtete in Seenot (das Alarmphone hat keine eigenen Boote, übt aber Druck unter anderem auf die jeweiligen Küstenwachen aus, um eine zeitnahe Rettung zu gewährleisten. Im ersten Jahr seines Bestehens wurde das Alarmphone von über 1.200 Booten angerufen, auf denen sich insgesamt 60.000 Menschen befunden haben. Seit Anfang 2016 ist die Zahl der Anrufe zwar rückläufig (als unmittelbare Folge der immer brutaler werdenden EU-Abschottungspolitik), dennoch ist das Watch The Med Alarmphone bis heute ein wichtiger Pfeiler in der Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer. In diesem Sinne hat Afrique-Europe-Interact zusammen mit Vertreter_innen verschiedener Gruppen und Netzwerke im Februar 2017 erste Schritte zur Gründung eines “Alarmphones Sahara” unternommen. Denn nicht nur im Mittelmeer, sondern auch in der Wüste verlieren jedes Jahr unzählige Menschen ihr Leben. Offizielle Zahlen liegen zwar nicht vor, doch Migrant_innen, die die Wüste durchquert haben, sowie Akteure aus den unmittelbar betroffenen Ländern (Mali, Niger, Algerien und Libyen) gehen schon lange davon aus, dass die Zahlen ähnlich hoch wie im Mittelmeer sein dürften. Hiermit verbunden ist die vor allem von afrikanischen Aktivist_innen formulierte Kritik, dass in Europa fast ausschließlich die Toten im Mittelmeer beachtet werden, während die nicht minder schreckliche Situation in der Wüste meist nur am Rande Erwähnung findet.

Ein erster Workshop zur Gründung des Alarmphone Sahara hat im September 2016 anlässlich eines Treffens des Watch The Med Alarmphone in Marokko stattgefunden. Dort wurde sodann vereinbart, im Februar 2017 in Niamey – der Hauptstadt Nigers – zu einem 2-tägigen Treffen zusammenzukommen, um genauer über Chancen und Grenzen eines solchen Wüsten-Alarmphones zu sprechen. Denn so viel steht fest: Die Situation in der Wüste kann allenfalls eingeschränkt mit den Bedingungen im Mittelmeer verglichen werden – unter anderem aus folgenden Gründen: Erstens, weil in weiten Teilen der Sahara bewaffnete Konflikte stattfinden und daher Rettungsmaßnahmen nicht problemlos ergriffen werden können – von zivilgesellschaftlichen Rettungsinitiativen wie im Mittelmeer ganz zu schweigen. Zweitens, weil es in der Wüste keine Wüstenwachen gibt (analog zu den Küstenwachen im Mittelmeer), die zur Rettung verpflichtet wären, sobald sie ein Notruf erreicht. Drittens, weil es sich bei der Sahara oftmals um äußerst schwer zugängliches Terrain handelt, für das in den betroffenen Ländern in der Regel die notwendigen Hubschrauber oder geländetauglichen Autos fehlen – oder schlicht das Benzin, letzteres insbesondere in Mali und im Niger.

Vor diesem Hintergrund ist es beim Gründungstreffen in Niamey zunächst einmal um die Frage gegangen, in welchen Ländern welche Unterstützungsmaßnahmen möglich wären. Beispielsweise wurde mit Blick auf den Niger die Idee diskutiert, einen in Agadez im Norden des Landes stationierten Rettungsjeep (“Pick-Up”) zu kaufen, der bei Pannen oder Unfällen via Satellitentelefon angerufen werden könnte – sei es, um direkt zu retten oder Wasser bzw. Ersatzteile zu bringen. Demgegenüber ging es im Falle von Mali in erster Linie darum, über die noch einzurichtende Alarmphone-Nummer sowie andere Wege Infos für Migrant_innen und Geflüchtete zur Verfügung zu stellen. Denn immer wieder werden diese von Schleppern gezielt in die Irre geführt, etwa indem ihnen überteuerte Tickets für reguläre Linienbusse verkauft werden. Gleichzeitig gehört der Norden Malis zu jenen Zonen in der Sahara, wo aufgrund der prekären Sicherheitslage eine (zivilgesellschaftliche) Rettung mit Autos derzeit kaum möglich ist.

Welche Maßnahmen als erstes umgesetzt werden, möchten wir auf einem Treffen in Ouagadougou (Burkina Faso) im Mai 2017 endgültig entscheiden. Allerdings steht bereits fest, dass dieses Projekt ohne erhebliche finanzielle Unterstützung nicht möglich sein wird. Denn die allermeisten Beteiligten kommen aus afrikanischen Ländern (in erster Linie Mali, Niger, Burkina Faso, Algerien, Marokko, Mauretanien und nach Möglichkeit auch Libyen), weshalb wir bereits für die Treffen selbst dringend auf Spenden angewiesen sind (Transport, Unterkunft etc.).

b) Pressekonferenz in Bamako: Massive Schikanen auf den Migrationsrouten Richtung Norden

Um unser Verständnis für die Situation auf den beiden Hauptmigrationsrouten Richtung Wüste zu vertiefen, sind Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact auf zwei Wegen zum Alarmphone-Treffen nach Niamey gereist: Eine Gruppe hat den Weg über Gao genommen (d.h. über den Norden Malis), die andere ist von Bamako über Ouagadougou (der Hauptstadt Burkina Fasos) nach Niamey gefahren. Während dieser Reise mussten wir feststellen, dass der von der Europäischen Union ausgeübte Druck auf die verschiedenen afrikanischen Länder mittlerweile dazu geführt hat, dass auf diesen Strecken unzählige Kontrollposten eingerichtet wurden, die sich in erster Linie gegen (mutmaßliche) Migrant_innen richten. Denn an jedem Posten wurden vor allem jene (jungen) Leute ausgefiltert, die allem Anschein nach auf dem Weg Richtung Norden waren. Und zwar einzig deshalb, um von ihnen Geld einzutreiben (ca. 15 Euro pro Posten und Person auf der Gao-Route und ca. 6 Euro pro Posten und Person auf der Ouagadougou-Route). Und auch andere Fahrgäste mussten zahlen, vor allem jene, die abgelaufene Ausweispapiere hatten (was in Westafrika gang und gäbe ist) oder solche, die lediglich über zeitlich begrenzte Passierscheine verfügten, wie sie unter anderem von Kleinhändler_innen benutzt werden. Doch damit nicht genug: Die Kontrollen wurden auch dafür genutzt, um mutmaßliche Migrant_innen aus den Bussen zu ziehen und an der Weiterreise zu hindern, was schlicht eine Verletzung des innerhalb der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS verbürgten Rechts auf Bewegungsfreiheit darstellt. In ähnlicher Form wurden auch Abgeschobene malträtiert, also jene jungen Migrant_innen, die aus Algerien oder Libyen Richtung Mali oder Niger abgeschoben wurden und die sich wieder auf dem Weg in ihre Herkunftsländer befanden. Viele von ihnen hatten alles verloren, inklusive ihrer Ausweispapiere. Und genau deshalb wurden sie ebenfalls zu Opfern polizeilicher Willkürmaßnahmen, d.h. auch sie mussten an jedem Posten zahlen.

In der Summe heißt dies, dass es derzeit ein fatales Zusammenspiel zwischen EU-Kontrolldruck und korruptem polizeilichen Handeln gibt. Und das mit fatalen Konsequenzen für den gesamten öffentlichen Transportsektor. In diesem Sinne gab es während unserer Rückfahrt von Niamey nach Bamako in Ouagadougou einen ganztägigen Streik aller Busunternehmen in Burkina Faso. Und zwar deshalb, weil es durch die ständigen Kontrollen zu stundenlangen Verspätungen der Busse kommt, ganz davon abgesehen, dass sich die Busunternehmen auch ihren Fahrgästen gegenüber verpflichtet fühlen. Schlussendlich hat Afrique-Europe-Interact eine große Presskonferenz in Bamako durchgeführt, bei der nicht nur über das Projekt eines Alarmphone für die Sahara berichtet wurde, sondern auch über die sprunghaft angestiegenen Kontrollen auf den verschiedenen Migrationsrouten.

Dazu noch zwei Anmerkungen: In der westafrikanischen Öffentlichkeit werden die Kontrollen in erster Linie mit der allgemeinen Sicherheitslage begründet, also mit dem ja durchaus sehr realen und hochgradig dramatischen Phänomen des grenzüberschreitenden Terrorismus. Einziger Haken: Kontrolliert werden auf den großen Migrationsachsen nur Busse, nicht aber PKWs oder LKWs, was deutlich macht, dass es sich beim Terrorismus-Argument um eine reine Schutzbehauptung handelt. Zur skandalösen Kontrollpraxis gehört im Übrigen auch der Umstand, dass es an den Grenzen ebenfalls zu maßlosen Bereicherungspraktiken seitens der Grenzbeamt_innen kommt. So mussten die malischen Businsass_innen auf der Einreise von Burkina Faso nach Mali an die Grenzbeamt_innen von Burkina Faso ca. 5 Euro pro Person zahlen – angeblich, weil Reisenden aus Burkina Faso in Mali das Gleiche widerfahren würde. Auch dies sind Vorgänge, die es in dieser Form früher nicht gegeben hat. Vielmehr handelt es sich um Begleiterscheinungen eines intensivierten Kontrollregimes an den innerafrikanischen Grenzen (das nicht nur von Europa, sondern absurderweise auch von Ländern wie Japan finanziert wird, wie eine Infotafel an einem der nagelneuen Grenzübergänge zwischen Mali und Burkina Faso verkündet).

c) Als Paket gefesselt nach Mali // Öffentliche Versammlung („Assemblée Populaire“) in Bamako

Am 7. Januar 2017 wurden Amadou Ba und Mamadou Drame von Deutschland nach Mali abgeschoben – zu zweit in einem Mini-Charter-Flugzeug (bewacht von drei Polizisten), weil sie sich vorher mehrfach gegen ihre Abschiebung gewehrt hatten. Doch Mini-Charter heißt nicht, dass die beiden ganz normal geflogen wären. Vielmehr wurde ihnen bei ihrer Ankunft am Flughafen Düsseldorf von der Bundespolizei mitgeteilt: „Heute, keine Chance!“ – was heißen sollte, dass sie dieses Mal keine Möglichkeit hätten, ihre Abschiebung zu verhindern. Praktisch sah das so aus, dass die beiden an Fußgelenken, Knien und Händen gefesselt wurden – die Hände gleich zweifach mit Handschellen und Kabelbindern. Zusätzlich wurden die Oberarme durch eine breiten Brustgürtel direkt am Körper fixiert, so dass die Bewegungsfreiheit praktisch auf Null reduziert war. In dieser Haltung mussten Amadou Ba und Mamadou Drame nicht nur 2 bis 3 Stunden bis zum Abflug warten, vielmehr blieb die Fesselung auch den gesamten Flug über bestehen. Lediglich bei Amadou Ba wurden nach einigen Stunden Flugzeit die Fuß- und Kniefesseln abgenommen. Weitere Informationen zu besagter Charter-Abschiebung finden sich auf der Webseite von Afrique-Europe-Interact – inklusive eines taz-Artikels, der darüber berichtet, dass diese explizit auf Abschreckung zielende und von der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX durchgeführte Abschiebung 82.000 Euro gekostet hat:

Umso bedeutsamer war, dass die beiden Abgeschobenen am 21.01.2017 bei einer eintägigen Versammlung in Bamako mit über 300 Teilnehmer_innen (Assemblée Populaire) ausführlich über ihre Erfahrungen berichtet haben. Denn bei der von Afrique-Europe-Interact organisierten Veranstaltung waren auch zahlreiche Medienvertreter_innen zugegen, die im Anschluss unter anderem über diese Abschiebung ausführlich berichtet haben. Darüber hinaus haben sich Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact mehrfach mit Amadou Ba und Mamadou Drame in Bamako getroffen, um gemeinsam zu beraten, wie die beiden in Mali wieder Fuß fassen könnten. Amadou Ba ist diesbezüglich bereits entschieden, er möchte in der Nähe von Bamako auf einem kleinen Stück Land eine Geflügelzucht aufbauen – ein Projekt, das von AEI-Aktivist_innen logistisch und finanziell unterstützt wird.

Schließlich: Nicht nur in Mali, auch hierzulande gibt es weitere Proteste gegen Abschiebungen nach Mali: So versammelten sich am 31. Januar 2017 trotz eisiger Kälte über 100 Menschen vor der malischen Botschaft in Berlin. Aufgerufen hatte die von malischen Geflüchteten gegründete Gruppe Djekafo zusammen mit Afrique-Europe Interact, der Protest richtete sich vor allem gegen die Kollaboration der malischen Botschaft mit deutschen Abschiebebehörden (wie sie unter anderem im Fall von Amadou Ba und Mamadou Drame sichtbar geworden ist). Berichte, Bilder und der Aufruf finden sich hier

d) Afrique-Europe-Interact in Tunesien

Unmittelbar nach Beginn des Arabischen Frühlings ist im Mai 2011 erstmalig eine Delegation von Afrique-Europe-Interact nach Tunesien gefahren. Aufhänger war damals das Wüstenlager Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze, in dem vor allem subsaharische (Bürger-)Kriegsflüchtlinge aus Libyen Aufnahme gefunden hatten. Parallel hat sich aber auch eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit tunesischen Gruppen entwickelt, unter anderem mit den Familien der Vermissten. Die hieraus entstandenen Kontakte haben sich mittlerweile verstetigt, nicht zuletzt über regelmäßige Aufenthalte des bei Afrique-Europe-Interact engagierten Theatermachers und Aktivisten Riadh Ben Ammar. Entsprechend ist geplant, in den nächsten Monaten ein kleines Büro in Tunis anzumieten, um auf diese Weise regelmäßige Treffen der im Aufbau befindlichen Gruppe “Afrique-Europe-Interact Tunis” zu ermöglichen.

e) taz-Rechercheprojekt

Wir möchten an dieser Stelle noch ergänzend auf das taz-Rechercheprojekt “Migration Control. Die Mauern der EU in Afrika” verweisen, zu dem einzelne Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact Texte und Infos beigesteuert haben. Denn die auf der diesbezüglichen taz-Sonderwebseite dokumentierten Texte, Verträge und Informationen überschneiden sich mit vielen der Fragen, Probleme und Aufgaben, die uns unter anderem beim Alarmphone Sahara beschäftigen:

Webseite taz-Rechercheprojekt

f) Rasthaus in Rabat

Im Rasthaus in Rabat (für Migrantinnen und ihre Kinder, die gerade die Wüstenpassage hinter sich gebracht haben) hat es in den letzten Monaten personelle Veränderungen gegeben, denn einige der Verantwortlichen sind ausgeschieden, andere nach Europa weitergereist. Gleichwohl sind die 30 Plätze stets voll belegt. Zudem sei darauf hingewiesen, dass die schon seit längerem geplante Neuauflage der Rasthaus-Broschüre spätestens ab Mai wieder erhältlich sein wird. Näheres zum Rasthaus kann auf unserer Webseite nachgelesen werden:

Rasthaus auf dieser Webseite

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III. Selbstbestimmte Entwicklung

a) Februar 2017: Vollversammlung der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON im Office du Niger (Mali)

Bilderstrecke

Am 23. Februar 2017 hat in Kourouma im Office du Niger eine eintägige Versammlung der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON stattgefunden – der größten Mitgliedsgruppe von Afrique-Europe-Interact in Mali mit über 700 Mitgliedern (das Office du Niger ist ein landwirtschaftlich intensiv genutztes Gebiet 270 Kilometer nord-östlich der Hauptstadt Bamako, das über ein weitverzweigtes, vom Niger gespeistes Kanalsystem bewässert wird). Ursprünglich war an diesem Tag eine Demonstration von Kourouma in die nahgelegene Kleinstadt Diabily geplant, wo einer der Verwaltungssitze des Office du Niger zu Hause ist. Doch diese Demonstration wurde von den zuständigen Behörden aufgrund der derzeit angespannten Sicherheitslage im Office du Niger verboten (dschihadistische Attentate sowie gewalttätige Spannungen zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen), weshalb die COPON ersatzweise zur Versammlung unter freiem Himmel eingeladen hat. Hieran haben über 300 Bauern und Bäuerinnen aus sämtlichen Regionen des Office du Niger teilgenommen, zudem waren 10 Medienvertreter aus dem Office du Niger sowie aus Bamako vor Ort. Politisch hat die COPON mit der Aktion das Ziel verfolgt, den neuen Generaldirektor des Office du Niger öffentlichkeitswirksam in die Pflicht zu nehmen – nicht zuletzt, weil dieser als aufgeschlossen sowie nicht-korrupt gilt. Konkret haben die Bauern und Bäuerinnen während der Versammlung vor allem ihre Forderungen in den Bereichen Landverteilung, Wassergebühren und Düngersubventionen formuliert. Die COPON zeigte sich im Anschluss äußerst zufrieden. Das hatte zum einen mit der erfolgreichen Mobilisierung zu tun, welche durch Gelder aus dem AEI-Netzwerk ermöglicht werden konnte. Zum anderen mit dem Umstand, dass mit Alpha Djenopo auch einer der offiziellen Berater des neuen Generaldirektors des Office du Niger teilgenommen hat. Entsprechend hat Alpha Djenepo sowohl am Anfang als auch am Ende der Versammlung das Wort ergriffen, beim zweiten Mal, um auf einige der Beiträge der Bauern und Bäuerinnen konkreter einzugehen, was im Übrigen auch deshalb wichtig war, weil Alpha Djenopo in seiner zweiten Funktion Chef des staatlichen Radiosenders im Office du Niger ist. Schließlich: Aus Bamako waren in einem Kleinbus sowohl die bereits erwähnten Hauptstadt-Journalist_innen als auch 15 Aktivist_innen von Afrique-Europe-Interact angereist, darunter 4 Vertreter_innen der europäischen Sektion von Afrique-Europe-Interact.

b) Kredit für COPON

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass Afrique-Europe-Interct im Mai 2016 der COPON einen Kredit von 3.500 Euro für den Kauf von konventionellem Dünger zur Verfügung gestellt hat. Hiermit ist einerseits eine finanzielle Unterstützung der Mitglieder der COPON beabsichtigt, weshalb die Zinsen für diesen Kredit deutlich unter dem Zinsniveau der lokalen Banken liegen. Andererseits soll auch die COPON in ihrer finanziellen Eigenständigkeit gestärkt werden, indem die Zinsen nicht an Afrique-Europe-Interact zurückgezahlt werden müssen, sondern an die Gewerkschaftskasse der COPON. Ob dieser Plan tatsächlich aufgeht, wird sich erst im Laufe der nächsten 8 Wochen zeigen (sobald die COPON die Reissäcke endgültig verkauft hat, mit denen die Bauern und Bäuerinnen ihren Kredit zurückgezahlt haben), allerdings sah die Situation bei einem Zwischengespräch Anfang Februar vergleichsweise gut aus.

Schwieriger bzw. widersprüchlicher ist indessen eine ganz andere Frage: Afrique-Europe-Interact macht sich eigentlich für die Förderung ökologischer Landwirtschaft stark. Einziger Haken: Im Office du Niger erfolgt der Reisanbau, für den der Dünger benötigt wird, auf konventionelle Art. Gleichzeitig gibt es bislang keinerlei staatlich oder anderweitig geförderten Ansätze, die eine Umstellung auf ökologischen Reisanbau erlauben würden – ganz davon abgesehen, dass dies aus unterschiedlichen Gründen in dieser Region gar nicht so einfach wäre. Denn die generelle Bodenknappheit (wegen Landgrabbing, Klimawandel und steigender Bevölkerungszahl) lässt Brachezeiten kaum noch zu, was bereits zu einer massiven Verschlechterung der Bodenqualität geführt hat, während umgekehrt die Produktion von biologischem Dünger wegen fehlender Flächen ebenfalls äußerst problematisch ist (vor allem unter Berücksichtigung davon, dass Getreideanbau auf ungleich größeren Flächen als Gemüseanbau erfolgt und daher mehr Dünger erfordert). Wir haben uns daher als Afrique-Europe-Interact zu zwei Schritten entschieden: Einerseits den Kauf von konventionellen Dünger zu unterstützen, andererseits mit den Bauern und Bäuerinnen in Gespräche über Alternativen einzusteigen, was jedoch ein sehr langfristiger Prozess sein dürfte.

c) Untersuchungskommission der Afrikanischen Entwicklungsbank in Sanamadougou und Sahou

Seit Anfang 2014 gehört die Unterstützung der beiden von Landgrabbing betroffenen Dörfer Sanamadougou und Sahou zu einer der wichtigsten Aktivitäten von Afrique-Europe-Interact in Mali. Daran hat auch der Umstand nichts geändert, dass sich die Dorfbewohner_innen im Mai 2016 dafür entschieden haben, jedes Kompromissangebot zur Klärung des Landkonflikts abzulehnen und auf ihrer (realpolitisch) eher chancenlos anmutenden Forderung zu bestehen, die vollständige Rückgabe ihres geraubten Landes zu fordern:

Artikel auf dieser Webseite

Umso erfreulicher war es, dass eine auf Druck von Afrique-Europe-Interact eingesetzte Untersuchungskommission der Afrikanischen Entwicklungsbank in einem Prüfbericht im November 2016 festgestellt hat, dass viele Anzeichen dafür sprechen würden, dass den Dorfbewohner_innen von Sanamadougou und Sahou tatsächlich massives Unrecht widerfahren ist (während die malische Regierung stets den rechtlich einwandfreien Charakter der Landenteignung betont hat). Hintergrund der Untersuchungskommission ist, dass die Afrikanische Entwicklungsbank dem verantwortlichen Landinvestor Modibo Keita im September 2014 einen großen Kredit für den Bau einer Nudelfabrik in Segou zur Verfügung gestellt hat, ohne jedoch der Frage nachzugehen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Bau der Fabrik und dem Landkonflikt in Sanamadougou und Sahou gäbe. Just dies wäre aber laut der internen Bankrichtlinien erforderlich gewesen. Denn eigentlich hätte geprüft werden müssen, woher die agrarischen Rohstoffe für die neue Fabrik stammen (nämlich unter anderem von den Feldern, die den beiden Dörfern Sanamadougou und Sahou geraubt wurden). All dies ist für die Bank im Juni 2016 endgültig deutlich geworden, nachdem sie eine 5-köpfige Untersuchungskommission nach Mali geschickt hatte. Entsprechend ist auf Beschluss des Bankvorstandes vom 10. bis 17. März 2017 erneut eine Untersuchungskommission nach Mali gefahren, um den bisherigen Hinweisen in einer weiteren umfassenden Untersuchung (d.h. in einem “Full Compliance Report”) nachzugehen.

Einziger Haken: Die Bank kann von sich aus natürlich nicht die Rückgabe der Felder verfügen, allerdings kann sie in Gesprächen mit allen Beteiligten für die Akzeptanz wirklich guter Ersatzflächen werben (was sie, so haben wir gehört, auch tatsächlich getan hat). Gleichzeitig kann die politische und somit präventive Wirkung solcher Untersuchungen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn durch die abermalige Mission mussten die zuständigen Regierungsmitglieder (genauso wie zahlreiche andere direkt oder indirekt involvierten Akteure des Office du Niger, des Parlaments etc.) das nunmehr zweite Mal mit der Afrikanischen Entwicklungsbank über den Fall sprechen – und dies natürlich immer im Lichte davon, dass diese Bank einer der größten Kreditgeber in Mali ist.

d) Widerstand von unten: Soukoutadala und weitere Dörfer in der Region Kita (Mali) // „Pirogenambulanz“

Bilderstrecke

Im Februar 2016 ist Afrique-Europe-Interact erstmalig mit einer größeren Delegation in das Dorf Soukoutadala in der Region Kita im Westen Malis gefahren. Denn seit mehreren Jahren ist dort die Gruppe ECK aktiv, die ursprünglich von Abgeschobenen gegründet wurde und die zu den Gründungsgruppen von Afrique-Europe-Interact gehört. Ziel von ECK ist es, Soukoutadala und weitere Dörfer bei ihren Bemühungen um selbstbestimmte Entwicklung zu unterstützen. Konkreter: Die Region Kita gehört seit Jahrzehnten zu jenen Regionen in Mali, aus der besonders viele Menschen in die Migration aufbrechen, unter anderem Richtung Europa. Gleichzeitig hat das EU-Migrationsregime auch hier seine Spuren hinterlassen. Immer mehr Dörfer beklagen den Tod ihrer Söhne und Töchter, zudem kommen auch zunehmend junge Migrant_innen zurück, die auf ihrem Weg gen Norden gescheitert sind (so sind allein am 19. April 2015 mindestens 156 Migrant_innen bei einem Bootsunglück im Mittelmeer ums Leben gekommen). Umso wichtiger ist es, dass sich die grundsätzliche Situation in Dörfern wie Soukoutadala verändert. Denn nur so kann erreicht werden, dass sich junge Leute zumindest nicht mehr gezwungen sehen, in die Migration zu gehen, um einen Beitrag zum Lebensunterhalt ihrer Familien zu leisten. Zudem – und das ist die eigentliche Philosophie von Afrique-Europe-Interact – möchten wir die Dörfer darin unterstützen, sich politisch für eine Verbesserung ihrer Situation einzusetzen. Denn letztlich werden kleine Entwicklungsprojekte die Lebensbedingungen allenfalls punktuell verändern können. Was not tut, ist stattdessen Druck von unten. Die Regierung in Bamako muss merken, dass sich die Menschen nicht mehr alles gefallen lassen – ganz zu schweigen von der Notwendigkeit, die globalen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse schnellstmöglich zu verändern.

Vor diesem Hintergrund hat sich unser Programm beim diesjährigen Besuch aus ganz verschiedenen Programmpunkten zusammengesetzt, wie auch den Bildern zu entnehmen ist: Erstens hat ECK gemeinsame Aktivitäten organisiert, wozu Debatten, Filmvorführungen und abendliche Tanzmusik gehörte.

Zweitens haben wir mit den Dorfbewohner_innen gemeinsam ausgewertet, wie sich die im vergangenen Jahr begonnene Unterstützung für das Frauenkollektiv des Dorfes entwickelt hat. Damals hatte Afrique-Europe-Interact eine Wasserpumpe und einen Zaun finanziert, damit die Frauen die Gemüseanbaufläche ausweiten können (einen Zaun deshalb, um das Gemüse vor den frei rumlaufenden Kühen und Schafen zu schützen). Außerdem wurde die Reparatur einer Mühle finanziert, die sowohl Soukoutadala als auch den Nachbardörfern zur Verfügung steht. Der diesbezügliche Austausch entpuppte sich als ausgesprochen interessant, hat er doch einmal mehr deutlich gemacht, dass selbst Mini-Entwicklungsprojekte nicht in Windeseile umzusetzen sind, zumindest dann nicht, wenn es sich um selbstbestimmte und somit nachhaltige Prozesse handeln soll. So hat es im Dorf eine relativ lange Diskussion darüber gegeben, auf welcher Fläche der Gemüseanbau der Frauen erfolgen soll, mit dem Ergebnis, dass der Anbau von Gemüse erst dieses Jahr beginnen kann. Hinzu kam, und auch solche Planungsfehler müssen stets miteingerechnet werden, dass sich die von den Dorfbewohner_innen kalkulierte Materialmenge für den neuen Zaun als nicht-ausreichend erwiesen hat (weshalb wir an diesem Punkt nochmal nachjustiert und den Kauf von zusätzlichem Zaunmaterial beschlossen haben). Demgegenüber ist die Mühle von Anfang ein großer Erfolg gewesen, so dass es gelungen ist, nicht nur die alltägliche Arbeit der Frauen erheblich zu erleichtern, sondern in ökonomischer Hinsicht sogar einen kleinen Überschuss zu erwirtschaften.

Drittens haben wir mit den Dorfbewohner_innen intensiv über die Anschaffung einer so genannten Pirogenambulanz gesprochen. Hintergrund ist, dass Soukoutadala und 12 weitere Dörfer im Zuge der Regenzeit mindestens drei Monate im Jahr durch die Nebenflüsse des am Dorf vorbeifließenden Flusses Bafing von der Außenwelt und somit auch vom nächsten Krankenhaus abgeschnitten sind. Im Alltag führt dies regelmäßig zu tragischen Todesfällen oder zu nicht behandelten und somit verschleppten Erkrankungen, weshalb Aktivist_innen von der malischen Sektion von Afrique-Europe-Interact bereits vor einigen Monaten begonnen haben, mit den Dorfbewohner_innen über der Kauf einer motorisierten Piroge (inklusive medizinischer Grundausstattung) näher ins Gespräch zu kommen. Denn mit einem solchen Schiff könnten Kranke, Verletzte oder Frauen mit (drohenden) Geburtskomplikationen über den Bafing innerhalb von zwei Stunden zur Hauptstraße beim Dorf Sitanikoto transportiert und von dort mit einem Auto in 15 Minuten ins nächste Krankenhaus gebracht werden. Und diese Option wäre nicht nur für die Regenzeit interessant. Vielmehr ist die rund dreistündige Fahrt nach Soukoutadala über eine nur schlecht ausgebaute Piste auch im restlichen Teil des Jahres eine enorme Belastung (für Kranke wie Gesunde gleichermaßen), weshalb die Pirogenambulanz ganzjährig zur Verfügung stehen soll. Geplant ist, die Piroge von einem bei Afrique-Europe-Interact aktiven Fischer bauen zu lassen, der viel Erfahrung im Pirogenbau hat. Das hierfür erforderliche Holz soll von den Dorfbewohner_innen in der Region Soukoutadala umsonst geschlagen werden, während der Motor auf dem großen Markt in Bamako gekauft wird. Das konkrete Ziel lautet, die Piroge spätestens zum Beginn der Regenzeit im Juni 2017 in Dienst stellen zu können, formaler Besitzer soll die AEI-Mitgliedsgruppe ECK werden.

Bei den Pirogen-Gesprächen in Soukoutadala ging es außerdem um eine Vielzahl praktischer Punkte, unter anderem hinsichtlich der Frage, ob Kranke für den Transport selber zahlen sollen oder nicht. Die diesbezüglich noch nicht abgeschlossene Diskussion wird derzeit unter Vertreter_innen der 13 Dörfer geführt, was bereits auf einen weiteren wichtigen Punkt verweist: Bei der Pirogenambulanz geht es in erster Linie um einen praktischen, potentiell lebensrettenden Zweck, dennoch soll auf diese Weise auch der politische Vernetzungsprozess zwischen den Dörfern gestärkt werden. Denn die Anschaffung einer Pirogenambulanz kann mittel- bis langfristig nur eine provisorische Lösung darstellen. Was fehlt, sind demgegenüber kleine Krankenhäuser auch in entlegenen Regionen sowie befestigte Straßen mit Brücken oder kleinen Fähren. Dies dürfte allerdings – wie schon erwähnt – nicht ohne politischen Druck von unten durchsetzbar sein.

e) Eine Wasserpumpe für das Frauenkollektiv in Sitanikoto

Bilderstrecke

Sitanikoto ist jenes Dorf, wo die Pirogenambulanz zukünftig enden soll. Passend hierzu haben sich in Sitanikoto mehrere Leute Afrique-Europe-Interact angeschlossen. Hierzu gehört auch eine Fraueninitiative, die zwar einen Gemüsegarten hat, diesen aber nicht nutzen kann, weil die von einer französischen NGO erst vor einigen Jahren angelegten Brunnen im Zuge des Klimawandels schlicht kein Wasser haben. Wir haben daher beschlossen, für das Frauenkollektiv in Sintanikoto eine ähnliche Pumpe zu kaufen wie bereits im Jahr 2016 für Soukoutadala, denn 20 Meter hinter dem Garten läuft ein kleiner Fluss, der ganzjährig Wasser führt.

f) Fehlende Gesundheitsversorgung – Lepra in Soukoutadala // Behandlung in Bamako

Als sich eine Delegation von Afrique-Europe-Interact im vergangenen Jahr in Balandougou (das ebenfalls in der Region Kita liegt) mit Angehörigen ums Leben gekommener Migrant_innen getroffen hat (https://afrique-europe-interact.net/1462-0-Left-behind-Angehrige-von-Vermissten-Mali.html), haben wir unter anderem eine Frau kennengelernt, deren Hände und Füße durch ihre Lepraerkrankung völlig deformiert waren. Um so schockierender war es, als wir dieses Jahr Badialla Dionssan, die Präsidentin des Frauenkollektivs in Soukoutadala, unter großen Schmerzen in ihrer Hütte angetroffen haben. Denn auch sie ist mittlerweile an Lepra erkrankt, mit bereits nach hinten gekrümmten und völlig gelähmten Fingern. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, lag unterdessen daran, dass die Familie nicht die ca. 60 Euro aufbringen konnte, die nötig gewesen wären, um mit dem Bus in das nationale Lepra-Behandlungszentrum nach Bamako zu fahren, wo Erkrankte kostenlos Medikamente für jeweils drei Monate erhalten. Denn Lepra ist mit Antibiotika gut behandelbar, entsprechend wurden zwischen 1995 und 2015 weltweit 16 Millionen an Lepra erkrankte Menschen geheilt. Im Falle von Badialla bedeutete dies, dass eine Behandlung der Krankheit nur noch durch einen ca. 6-monatigen Krankenhausaufenthalt im Lepra-Behandlungszentrum in Bamako möglich war. Afrique-Europe-Interact hat in diesem Fall die stationären Behandlungskosten von ca. 800 Euro übernommen, wobei sich der Gesundheitszustand unserer Mitstreiterin bereits nach zwei Wochen derart verbessert hat, dass sie erst vor einigen Tagen am Telefon ihre Erleichterung mit dem in ihrem Dorf üblichen Willkommenslied zum Ausdruck gebracht hat.

g) Fasokele: Ökologisches Künstler_innendorf in Guinea

Wie wir schon mehrfach berichtet haben, hat das panafrikanische Künstler_innenkollektiv Fasokele (an dem auch eine deutsche Aktivistin beteiligt ist) im April 2016 mit Unterstützung von Afrique-Europe-Interact den Aufbau eines ökologischen Künstler_innendorfes in Guinea begonnen. Nun sind im Januar und Februar 2017 zwei Aktivist_innen der europäischen Sektion 4 Wochen in dem Dorf gewesen – nicht nur um an dem jährlichen Fasokele-Festival “Eine Welt ohne Grenzen” teilzunehmen, sondern auch um sich an der alltäglichen Arbeit zu beteiligen, unter anderem bei der Einrichtung einer Solaranlage. Mehr Informationen zu dem Projekt finden sich auf unserer Webseite – zudem ist derzeit eine Info-Broschüre in Vorbereitung. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch explizit auf eine lange, atmosphärisch ausgesprochen eindrucksvolle Bilderstrecke, die im Zuge des erwähnten Besuchs entstanden ist:

Bilderstrecken

h) 8. März und Frauenkooperative in Bamako

Anlässlich des Internationalen Frauentags haben Frauen von Afrique-Europe-Interact in Ouagadougou (Burkina Faso), in Kourouma (Office du Niger/Mali) und in Bamako (Mali) unterschiedliche Diskussionsveranstaltungen durchgeführt – zum Teil auch kombiniert mit kleinen Demos oder Theaterstücken. Ein Schwerpunkt der Debatte in Bamako lag auf der Frage, inwieweit sich die repressive EU-Migrationspolitik auch negativ auf das Leben all jener Frauen auswirkt, deren Männer oder Söhne in die Migration gegangen oder gar verstorben sind. Denn sie sind es, die ihre Familien alltäglich ernähren müssen und insofern als erste die psychischen und ökonomischen Konsequenzen auffangen müssen, die mit der häufig tödlichen EU-Abschottungspolitik gegenüber Migrant_innen einhergehen. In Kourouma hat der 8. März unterdessen das Ziel verfolgt, das Bewusstsein der Frauen für ihre Position innerhalb der bäuerlichen Basisgewerkschaft COPON zu stärken. Und ganz ähnlich in Ouagadougou: Hier ging es um die Würdigung des Umstandes, dass Frauen in den städtischen Kämpfen um das Recht auf Wohnraum sowohl zahlenmäßig als auch politisch eine ausschlaggebende Rolle spielen.

Darüber hinaus hat Afrique-Europe-Interact in Bamako begonnen, über die Frage zu diskutieren, inwieweit für die in der Hauptstadt lebenden Frauen unseres Netzwerks ein kleines Zentrum aufgebaut werden könnte, wo unterschiedliche Produkte hergestellt und verkauft werden sollen. Da jedoch die diesbezügliche Debatte erst begonnen hat, werden wir darüber erst im nächsten Newsletter ausführlicher berichten.

i) Konferenz zu Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise in Leipzig

Gleichsam mit Bezug auf sämtliche der hier geschilderten Prozesse findet vom 6. bis 8. Oktober 2017 in Leipzig eine von Afrique-Europe-Interact und Klima- bzw. Degrowth-Aktivist_innen initiierte Konferenz zu den Zusammenhängen zwischen Flucht und Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischer Krise statt (Arbeitstitel). Das erste Vorbereitungstreffen ist bereits am 4./5. März in Leipzig über die Bühne gegangen, das nächste Treffen wird am 29./30. April stattfinden – ebenfalls in Leipzig. Interessierte melden sich gerne bei nolagerbremen@yahoo.de. Eine erste Projektskizze findet sich hier