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Der Ruf nach gleichen Rechten wird lauter (dt)

In Westafrika lebt die Sklaverei fort, obwohl sie formal abgeschafft ist

Roger Botte

In mehreren westafrikanischen Staaten wird noch immer ein Teil der Bevölkerung wie Sklaven behandelt – vor allem in Mauretanien. Zwar stehen ihnen theoretisch die Bürgerrechte zu, doch sie können diese praktisch kaum einklagen. Manche betrachten sich selbst als Sklaven, weil sie die Auflehnung gegen diesen Status als Verstoß gegen die Gebote des Islam ansehen. Andere aber haben sich zusammengeschlossen, um gegen die Diskriminierung zu kämpfen. Ihre Bewegungen sind Teil des Kampfes für Demokratie und Menschenrechte.

Die europäischen Kolonialmächte haben sich gerühmt, Ende des 19. Jahrhunderts die Sklaverei abgeschafft zu haben. Wie kommt es, dass heute, ein Jahrhundert später, in Teilen Westafrikas Kategorien wie Herr und Sklave weiter bestehen – ungeachtet der juristischen und politischen Schritte zur Abschaffung der Sklaverei? Woran liegt es, dass sklavereiähnliche Verhältnisse noch immer fortbestehen, obwohl die sozioökonomischen Verhältnisse, die zur Sklaverei geführt hatten, nach und nach verschwunden sind?

Der Wandel begann im französischsprachigen Westafrika im Jahre 1902, als die Kolonialmacht den Handel mit Sklaven untersagte. Der Sklave war damit kein veräußerliches Gut mehr. Zudem verbot Frankreich die Trennung von Sklaven-Ehepaaren (Mann und Frau durften nun nicht mehr verschiedenen Herren gehören) sowie der Sklaven-Eltern von ihren Kindern (die bis dahin Eigentum des Herrn der Mutter gewesen waren). Das wirkte dem Brauch entgegen, Sklaven zu vererben und als Mitgift zu geben; dadurch wurden die Familien der Sklaven gestärkt und der Übergang von der Sklaverei zur Hörigkeit beschleunigt. Die Verbote wurden allerdings in unterschiedlichem Tempo umgesetzt. So mussten bei den Tuareg die Sklaven bis 1946 warten, bevor die Existenz ihrer Familie anerkannt und deren Unantastbarkeit bekräftigt wurde. Noch heute kommt es in Mauretanien vor, dass Einzelne nicht über sich selbst, den Ertrag ihrer Arbeit oder sogar ihre Kinder verfügen können.

Auch die offizielle Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1905, drei Jahre nach dem Verbot des Sklavenhandels, blieb reine Theorie. Die Verwaltung und die Justiz ignorierten die Sklaverei als soziales Phänomen, denn die Sklaven spielten eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Die Kolonialmacht war besessen von der Angst vor ungeregelten sozialen Umbrüchen und sah sich daher vor folgendem Dilemma: Wie schwächt man die widerspenstigen einheimischen Aristokraten, verändert aber zugleich die bisherigen Strukturen der Gesellschaft so wenig wie möglich – und das, obwohl der Fortbestand dieser Strukturen mit der Abschaffung der Sklaverei und dem Anspruch der eigenen “zivilisatorischen Mission” nicht vereinbar war?

Über den Anteil der Sklaven, die von den neuen Gesetzen betroffen waren, an der Bevölkerung liegen eine Reihe Schätzungen vor. Allein im französischsprachigen Westafrika wurde um 1900 die Anzahl der Sklaven auf 2 Millionen der knapp 8 Millionen Einwohner veranschlagt, also ein Viertel der Bevölkerung. In den nomadischen Tuareg-Gesellschaften machten die sesshaften Sklaven, die in der Landwirtschaft tätig waren, im Gebiet südlich der Sahara damals 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung aus, jedoch 70 bis 90 Prozent in der Sahel-Zone am Rande der Wüste. Diese Sklaven waren nicht alle sesshaft. Sie konnten Nomaden sein wie in Oudalan in Burkina Faso, wo noch im Jahre 1973 etwa 31.000 Sklaven bei nur 3000 Tuareg-Herren vom Stamm der Kel Tamachek lebten, das heißt im Schnitt zehn Sklaven pro Herr.

In Mauretanien gab ein Kolonialverwalter 1961 für die Region Hodh im Südosten des Landes einen Durchschnitt von 49 Prozent Sklaven an, wobei allerdings sehr große Unterschiede je nach Stamm bestanden: Bei den Ideiboussat waren es 11 Prozent, bei den Awlad M'Barek 80 Prozent. 1984-85 wurden bei einer Erhebung im maurischen Teil Mauretaniens 105.400 Sklaven im engen Sinn sowie 232.375 freigelassene Sklaven oder Haratin gezählt; das entsprach 13 bzw. 29 Prozent der maurischen Bevölkerung, Sklaven und Haratin machten zusammen also 42 Prozent aus. 1993 schätzte die Organisation El Hor die Zahl von Sklaven und Freigelassenen in der maurischen Gesellschaft auf zusammen 900.000 Personen bei einer Bevölkerung von rund zwei Millionen Einwohnern, das sind 45 Prozent. Dazu kommen noch die ehemaligen Sklaven in den schwarzafrikanischen Gesellschaften der Soninké, Wolof und Haalpulaar im Süden Mauretaniens. Über die Hälfte der heutigen Bevölkerung Mauretaniens sind also Sklaven oder stammen von Sklaven ab.

Die Demografie zeigt auch deutliche Unterschiede zwischen der Anzahl von Frauen und von Männern, die den Status von Freigelassenen (Haratin) erhalten haben: Vor allem den Frauen wurde die Freilassung verweigert. Das liegt daran, dass die männlichen Sklaven Kinder nur zeugten, die Kinder dann aber dem Eigentümer der Mutter gehörten, sodass dieser eher einen Mann als eine Frau freiließ.

Auch wenn seit einem Jahrzehnt verstärkt über das Anbrechen einer demokratischen Ordnung in Westafrika diskutiert wird, lassen sich in den meisten Ländern dieser Region immer noch Formen der Sklaverei oder der Abhängigkeit sowie ihre Folgen finden, etwa die Diskriminierung von früher versklavten sozialen Gruppen. Hartnäckig halten sich Klischees, die eine Art Rassismus gegenüber ehemaligen Sklaven oder ihren Abkömmlingen begründen. So sind manche ehemals versklavten Gruppen noch immer mit einem Heiratstabu belegt, denn für die meisten früheren Herren gibt es eine “Sklavennatur”, die sie an physischen und psychologischen Merkmalen festmachen. Daher wird den Abkömmlingen von Sklaven untersagt, Frauen zu heiraten, die von Freien abstammen. Dabei geht es nicht so sehr darum, ihnen den Zugang zu Frauen zu verweigern, sondern ihren möglichen Übergang zu einem neuen Status zu verhindern. Auf diese Weise kann die durch Geburt bestimmte Ungleichheit aufrechterhalten werden. Außerdem bestehen die alten Hierarchien fort und werden trotz der Freilassung an die Nachkommen weitergegeben, denn die juristische Abschaffung der Sklaverei war selten von einer wirtschaftlichen und sozialen Befreiung begleitet.

Sicher haben sich die Produktionsverhältnisse seit der Kolonisation grundlegend geändert – insbesondere die Unterscheidung von Freien und Sklaven, die darauf beruhte, dass allein die Sklaven alle Feldarbeit sowie die härtesten Hirten- und Hausarbeiten verrichteten. Nach und nach haben die ehemals versklavten Gruppen mit mehr oder weniger Erfolg die Veränderungen für sich genutzt: Aus persönlicher Abhängigkeit wurden vertraglich festgelegte Abhängigkeitsverhältnisse wie Pacht oder Teilpacht, die Versklavten gewannen Selbstständigkeit gegenüber der Stammesordnung, vor allem aber erhielten sie das Recht, Land und Vieh zu besitzen, das ihnen zuvor aufgrund ihres rechtlichen Status vorenthalten worden war.

Dennoch ist die Auflösung der Beziehung Herr-Sklave, auf der alle diese Gesellschaften beruhten, noch längst nicht vollendet. Sie ist stets Teil eines allgemeineren Veränderungsprozesses, zu dem etwa soziale Umbrüche, Landflucht, mehr Schulbesuch und Entstehung formeller und informeller Arbeitsmärkte gehören. Allerdings sind weder der Schulbesuch noch die Existenz eines Marktes für Lohnarbeit mit modernisierten Formen der Abhängigkeit unvereinbar. So ist in Mauretanien der Sektor der Lohnarbeit in den Städten noch weitgehend bestimmt von früheren Herren, die den größten Teil der herrschende Klasse stellen: Angesichts eines Mangels an Arbeitsplätzen verhilft die Empfehlung einer einflussreichen Person dem Arbeit Suchenden zu einer Anstellung, und Abhängige zahlen unter diesen Umständen ihrem früheren Herrn als Anerkennung für seinen “Schutz” einen Teil ihres Arbeitseinkommens.

Die Gestalt des Sklaven und sein Missgeschick stören zwar das Bild von der Modernität in Afrika. Sie sind aber gleichzeitig auch Ausdruck der Turbulenzen, der Protestbewegungen und der Schaffung neuer Identitäten, die die alten Gesellschaften überall erschüttern: In mehreren Ländern entstehen Organisationen, die die verdeckten Praktiken der Zwangsarbeit und die Demütigungen aller Art, welche etliche ehemals versklavte Gruppen zu erdulden haben, als Hindernisse für demokratische Prozesse wie für die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte brandmarken. Der Vorläufer dieser Kämpfe ist zweifellos die PASDEM (Partei der Enterbten von Madagaskar), die am 27. Juni 1946 von Sklavenabkömmlingen gegründet wurde. Sie nahm Prozesse vorweg, wie sie sich jetzt in Westafrika abspielen: Neue soziale Legitimitätsbindungen zeichnen sich ab, und ehemalige Sklaven oder ihre Abkömmlinge versuchen teilweise mit Erfolg, die Wertungen umzudrehen, die sie stigmatisieren. Dieser Versuch, den öffentlichen Raum neu zu definieren und die Diskriminierung zurückzuweisen, äußert sich in der Entstehung von spezifischen Gruppen: politischen Parteien in Mauretanien, Madagaskar und Mali, nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisationen wie Timidria in Niger und SOS-Esclaves in Mauretanien, Kulturverbänden – darunter in Europa unter Immigranten aus dem Senegal-Tal. Hinzu kommen informellere Auseinandersetzungen wie die über die Präsidentschaftswahlen von 1994 in Guinea-Conakry, die von ehemaligen Herren, die keine Reue über ihr früheres Verhalten zeigten, boykottiert wurde.

Diese neuen Gruppen setzen sich zum Ziel, gegen die wirtschaftliche und politische Ungleichheit, gegen die soziale Gewalt und die staatsbürgerliche Benachteiligung zu kämpfen. Unabhängig von Erfolgen, Misserfolg oder Rückschlägen dieser Bekundungen, die auf die Eroberung eines eigenen Freiheitsraumes abzielen, löst ihr Auftreten auf der nationalen politischen Bühne in jedem Fall eine deutlich subversive Debatte aus: Wie lässt sich der grundlegende Anspruch auf staatsbürgerliche Rechte mit dem Fortbestand der früheren sozialen Verkehrsformen in Einklang bringen?

Die ehemaligen Herren sehen im sozialen Aufstieg des Sklaven häufig eine Entartung der Ethnie, der Gesellschaft und der Kultur. Der Rückgriff auf die alten Formen der Unterordnung – eine fehlgeleitete Form der Bekräftigung eigener politischer Ansprüche – ist heute stärker, da die ehemaligen Herren mit den Abkömmlingen der Sklaven konkurrieren. Deren Vordringen auf die politische Bühne wird als Trauma erlebt und kann gewalttätige Reaktionen hervorrufen. Das hat die Ermordung von Richard Ratsimandrava am 11. Februar 1975 in Antananarivo gezeigt: Zwei Wochen nach seiner Wahl zum Präsidenten der Republik Madagaskar wurde er vermutlich einzig deswegen umgebracht, weil er von Sklaven abstammte.

In mehreren Ländern melden ehemals versklavten Gruppen kollektiv den Anspruch an, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. In Niger steht die im Mai 1991 gegründete Vereinigung Timidria – zu Deutsch etwa Brüderlichkeit, Solidarität – in engem Zusammenhang mit der Debatte über Demokratie, gute Regierungsführung und Dezentralisierung. Es handelt sich bei dieser aus der Zivilgesellschaft hervorgegangenen Vereinigung um ein völlig autonomes Gebilde, das mit den großen klassischen parastaatlichen Organisationen und den alten Eliten gebrochen hat. Timidria hat sich die Verteidigung der Menschenrechte und die landwirtschaftliche Entwicklung durch Überwindung des Gegensatzes zwischen Ackerbauern (ehemaligen Sklaven) und nomadischen Hirten (ehemaligen Herren) zum Ziel gesetzt. Die Bewegung rekrutiert ihre Mitglieder im Wesentlichen unter den sogenannten “Tuareg schwarzer Herkunft”, also ehemaligen Sklaven. Timidria prangert den Fortbestand der Sklaverei in den Tuareg-Gesellschaften und ihre Folgen für die Lebensbedingungen der “Tuareg schwarzer Herkunft” an, sie verurteilt das Schweigen der Regierung angesichts dieser Ungerechtigkeiten und kämpft gegen alle Formen der Diskriminierung; dadurch ist sie zu einer Massenbewegung geworden, deren fast 200.000 Mitglieder überwiegend aus ländlichen Gebieten kommen.

In Mauretanien versteht sich die Bewegung El Hor (Freier Mensch) als Anwältin für die Befreiung der ehemaligen Sklaven (Haratin) von den Abhängigkeitsbeziehungen, die sie immer noch mit ihren ehemaligen Herren verbinden. El Hor wurde im März 1978 im Geheimen gegründet und geht direkt auf die Folgen der Dürre im Sahel in den 1970er Jahren – Landflucht und Sesshaftmachung von zahlreichen Nomaden – sowie auf die Folgen des Krieges gegen die Polisario in der Westsahara zurück. Denn für die erhebliche Vergrößerung der mauretanischen Streitkräfte von 3.000 Mann im Jahre 1974 auf 20.000 im Jahre 1978 musste unter den Arbeitslosen rekrutiert werden, die aufgrund der Dürre in die Städte geströmt waren. In den Streitkräften jedoch errangen die Haratin Gleichbehandlung mit den Soldaten freier Herkunft. Etliche von ihnen haben sich nach ihrer der Demobilisierung im Jahre 1979 El Hor angeschlossen.

Die Bewegung hat sich zum Ziel gesetzt, gegen wirtschaftliche und soziale Ungleichheit zu kämpfen, die im Zusammenhang mit Grundbesitz, Knechtschaftsverhältnissen und dem Zugang zu Ausbildung und Gesundheitsversorgung steht. Sie will gegen die politische Ungleichheit und die soziale Zurücksetzung angehen – ein Haratin gilt als “Anhängsel” des Herrn. Und sie will die religiöse und gesetzliche Ungleichheit etwa bei Erbschaften, Eigentumsrechten, der Rechtsfähigkeit bekämpfen; diese Bereiche sind beide vom Islam bestimmt und überschneiden sich weitgehend.

Die Protestbewegung der Haratin, ihre Kampagnen zur Sensibilisierung der versklavten Bevölkerungsteile, deren hoher Anteil gemessen an der Bevölkerungszahl und der internationale Druck haben die Regierung Mauretaniens veranlasst, am 5. Juli 1980 die Abschaffung der Sklaverei zu verkünden (bestätigt durch den Erlass vom 9. November 1981). Der Erlass über Landbesitz vom 5. Juni 1983, der individuellen Besitz von Grund und Boden einführt, schafft einen gesetzlichen Rahmen für den Zugang der Haratin zu Grundbesitz. Neben der Abschaffung der Sklaverei zielt er darauf ab, die Hindernisse für die wirtschaftliche Gleichstellung der ehemals versklavten Gruppen zu beseitigen. Die Abschaffung der Sklaverei und das Landbesitzrecht bestimmen den Platz der Haratin in der Nation neu und schaffen im Grundsatz die Mechanismen für ihre Integration in den modernen Staat.

In der Praxis werden diese Prinzipien jedoch umgangen und offen missachtet. Die Durchführungsverordnungen zu dem Erlass von 1981 über die Abschaffung der Sklaverei sind immer noch nicht erlassen worden. Manche glauben, dass ohne Durchführungsverordnung die Abschaffung der Sklaverei gar nicht in Kraft getreten ist. Seit der Abschaffung sind keinerlei Sanktionen gegen Personen verhängt worden, die gegen das Gesetz verstoßen. Die Justiz und die Verwaltung stehen den Herren vor Ort um so wohlwollender gegenüber, als die nach modernem Recht urteilenden Gerichte sich angesichts der gegenwärtigen Gesetzeslücken für nicht zuständig erklären. Sie lehnen die Behandlung der ihnen vorgelegten Fälle ab oder überweisen sie an Gerichte nach muslimischem Recht. Und die Kadis dort lassen, obwohl sie Staatsbeamte sind, unter Berufung auf eine sehr fragwürdige Auslegung der islamischen Vorschriften weiterhin Praktiken der Sklavenhaltung zu. Sie entscheiden fast immer zugunsten der ehemaligen Herren, verweigern den Haratin das Recht der Zeugenaussage wie zu den Zeiten, als die noch Sklaven waren, und legalisieren häufig unter Berufung auf die Tradition die Beschlagnahme von Grund und Boden oder des Erbes (der ehemalige Herr, nicht dessen Erbberechtigte, erbt von seinem ehemaligen Sklaven).

Die Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1981, die im modernen Recht enthalten ist und nach Konsultation mit den muslimischen Rechtsgelehrten (Ulema) beschlossen wurde, sagt nichts über ihr gesetzlichen Grundlagen im islamischen Recht aus. Das führt zu einem Paradox: Manche ehemaligen Sklaven lehnen es ab, sich als Freie zu betrachten, denn sie glauben immer noch, dass ihr Heil im Jenseits und ihr Weg ins Paradies von ihrem Gehorsam gegenüber dem Herren abhängen – wer diesen verlässt, wird verdammt. Diese Mentalität ist so stark, dass andere Sklaven, die die Möglichkeit einer kollektiven Befreiung per Erlass bezweifeln, von ihrem ehemaligen Herrn einen individuellen Akt der Freilassung fordern. Dafür zahlen sie einen bedeutenden Geldbetrag oder Entsprechendes in Sachleistungen. Der Erlass über Grundbesitz hat zudem das alte System des Zugangs zu Grund und Boden nicht erschüttert und vor allem nicht die Fähigkeit der “ehemaligen” Eigentümer, ihre Ansprüche aufrecht zu erhalten – gegen die Versuche der Haratin, Zugang zu Land zu erhalten.

Zwar fördert die Regierung den sozialen Aufstieg einiger Vertreter der Bevölkerungsgruppen, die früher von der Macht ausgeschlossen waren. Sie befördert sie auf verschiedene höhere Posten, um das Ende der Ausgrenzung unter Beweis zu stellen. Doch die Ernennung von Haratin zu Ministern löste – von der symbolischen Wirkung abgesehen – nicht das Problem, wie die Sklaven und Haratin politisch vertreten werden. Überdies gehören Haratin, auch wenn sie hohe Beamte sind, aufgrund ihrer Geburt einer Statusgruppe an und zählen weiterhin dazu, unabhängig von allen Veränderungen in ihren Lebensbedingungen. Man wird als “Sklave” geboren und stirbt als solcher, ob man nun Universitätsprofessor, höherer Offizier, Zivilverwalter, Facharbeiter oder Arbeitsloser ist. Die entscheidende Frage ist letztlich die nach dem Status des Einzelnen: Können die Abkömmlinge von Sklaven aus ihrem Status heraustreten, oder sind sie dazu verdammt, ihn ewig weiter zu vererben?

Seit der mauretanische Präsident in einer Rede im Januar 1997 das Problem der Sklaverei auf ein Komplott zum Nutzen des Auslands zurückgeführt hat, ist das Thema tabu. Da die Sklaverei abgeschafft wurde, gibt es offiziell nur noch ihre Folgeerscheinungen, und die Medien, die das Thema anzuschneiden wagen, werden vom Staat systematisch mit Publikationsverbot belegt. Am 2. Januar 2002 wurde die Oppositionspartei Aktion für den Wandel (Action pour le Changement, AC) aufgelöst, die von Messaoud Ould Boulkheir, einem der Gründer von El Hor, geleitet wurde. Die AC ist mit vier Abgeordneten die politische Stimme der am stärksten entrechteten Bevölkerungsschichten, vor allem der Masse der Haratin. Insbesondere vertritt sie die Freigelassenen, die in den Slums der Hauptstadt Nouakchott auf engem Raum leben und das größte Kontingent an unterbezahlten Arbeitskräften für die niedrigsten Arbeiten stellen – Handlanger, Lageristen, Chauffeure, Maurer, Schlachter, Wasserverkäufer. Sie sind auch die einzigen, die als Bedienstete arbeiten wie Nachtwächter, Pförtner, Dienstboten und Mädchen für alles. Diese Tätigkeiten für die ehemaligen Herren werden oft nicht bezahlt und ähneln verblüffend den sozialen Beziehungen von einst. Die AC hat in der im Oktober 2001 neu gewählten Nationalversammlung gegen den Fortbestand sklavenähnlicher Praktiken Stellung bezogen und alle Formen der Diskriminierung, deren Opfer die Sklavenabkömmlinge sind, sowie die Verletzung der Menschenrechte verurteilt.

In Borgou in Nordbenin begründen die Gando, ehemalige Sklaven der Peuls, ihre Identität durch die Aufwertung der körperlichen Arbeit neu. Denn während für die Peuls – wie allgemein für die ehemaligen Sklavenhalter – Arbeit mit dem Image von Dienstbarkeit und Verfall verbunden ist, erscheint ihren früheren Sklaven körperliche Kraft und Anstrengung nun als gleichbedeutend mit sozialer Aufwertung. Denn sie bringt nicht nur materielle Güter hervor. Sie ermöglicht es den ehemaligen Sklaven auch, einen Wert zu schaffen, der ihnen gemeinsam ist, und sich von den Peuls abzusetzen. Dazu kehren sie das alte Stigma der körperlichen Arbeit um und verwandeln es in einen Hebel der Emanzipation.

Diese Wiederaneignung dessen, was früher stigmatisierte, findet man ähnlich in der Bewegung El Hor. Sie fordert eine “völlig neue Gesellschaft, wo die Bezeichnung Haratin mit Stolz getragen wird”. Auch Timidria kehrt derart die Begriffe um. Sie macht sich die koloniale Kategorie der “Tuareg schwarzer Herkunft” zu eigen, um schon durch den Namen die Grundlagen der Rassendiskriminierung zu zersetzen.

Literatur
Urs Peter Ruf: Ending Slavery: Hierarchy, Dependency and Gender in Central Mauritania, Bielefeld 1999.
Journal des Africanistes, vol 70 Nr. 1-2 (2000): L'Ombre portée de l'esclavage. Avatars contemporains de l'oppression sociale (hrsg. von Roger Botte).
Informationen über Sklaverei in Mauretanien gibt SOS-esclaves
e-mail: boubacar_messaoud@yahoo.fr.
aus: der überblick 01/2002, Seite 26

Roger Botte:

Roger Botte ist Ethnologe am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Er hat über vorkoloniale Staaten in Burundi und Mauretanien gearbeitet und erforscht Sklaverei und ihre Nachwirkungen in afrikanischen Gesellschaften sowie neue Formen des Menschenhandels in Afrika.