Für Bewegungsfreiheit & selbstbestimmte Entwicklung!

Kurzpräsentation unseres Netzwerks (August 2014)

Afrique-Europe-Interact ist ein kleines, transnational organisiertes Netzwerk, das Ende 2009 gegründet wurde. Beteiligt sind Basisaktivist_innen vor allem in Mali, Togo, Deutschland, Österreich und den Niederlanden – unter ihnen zahlreiche selbstorganisierte Flüchtlinge, Migrant_innen und Abgeschobene.

Programmatisch verfolgt Afrique-Europe-Interact insbesondere zwei Zielsetzungen: Einerseits unterstützen wir Flüchtlinge und Migrant_innen in ihren Kämpfen um Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte – ob in den Ländern des Maghreb, auf dem Mittelmeer oder innerhalb der Festung Europa. Andererseits sind wir an sozialen Auseinandersetzungen um gerechte bzw. selbstbestimmte Entwicklung beteiligt. Denn das Recht auf globale Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit ist nur die eine Seite der Medaille. Nicht minder wichtig ist das Recht zu bleiben, also die Möglichkeit, zu Hause bzw. im Herkunftsland ein Leben unter sicheren, würdigen und selbstbestimmten Bedingungen führen zu können.

Entstanden ist Afrique-Europe-Interact im Zuge der Vorbereitungen einer dreiwöchigen „Karawane für Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung“, die Anfang 2011 auf Initiative der AME (Assoziation der Abgeschobenen Malis) stattgefunden hat: Rund 250 Aktivist_innen, die meisten aus Mali, haben sich an der Bustour von der malischen Hauptstadt Bamako zum 11. Weltsozialforum in Dakar/Senegal beteiligt – einschließlich zahlreicher Aktionen und Versammlungen mit der lokalen Bevölkerung entlang der Route. Nach der Karawane haben uns zunächst die sozialen Umbrüche in Nordafrika in Atem gehalten. Nicht nur aus Solidarität mit dem Arabischen Frühling, sondern auch, weil Hundertausende Arbeitsmigrant_innen und Flüchtlinge aus Subsahara-Afrika das von Bürgerkrieg heimgesuchte Libyen fluchtartig verlassen mussten – unter ihnen rund 6.000 Menschen, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten bzw. wollten und daher unter erbärmlichsten Bedingungen im Wüstencamp Choucha an der libysch-tunesischen Grenze gestrandet sind. Praktisch haben sich hieraus zahlreiche Kontakte und gemeinsame Projekte zwischen europäischen, malischen und tunesischen Basisgruppen ergeben, unter anderem die von Afrique-Europe-Interact mitaufgebaute Solidaritätskampagne für Choucha – eine Initiative, die maßgeblich mit dazu beigetragen hat, dass im September 2012 immerhin 200 Flüchtlinge aus Choucha regulär nach Deutschland ausreisen konnten.

Mittlerweile verteilen sich die Aktivitäten von Afrique-Europe-Interact auf (mindestens) sechs Schwerpunkte – trotz des Umstandes, dass es sich weiterhin um ein eher kleines, rein ehrenamtlich getragenes Netzwerk handelt:

  • Afrique-Europe-Interact beteiligt sich erstens an verschiedenen Initiativen gegen die Militarisierung der EU-Außengrenzen und somit gegen das Massensterben sowohl im Mittelmeer als auch in der Wüste. In diesem Zusammenhang kooperieren wir insbesondere mit (Transit-)Flüchtlingen und Migrant_innen in Marokko – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass mehrere Aktivist_innen unseres Netzwerks selber jahrelang in Marokko bzw. anderen nordafrikanischen Ländern als Migrant_innen bzw. Flüchtlinge blockiert waren. Zudem unterstützen wir den Aufbau selbstorganisierter Notruftelefone, um Echtzeit-Druck auf die Verantwortlichen ausüben zu können, falls bei Bootsunglücken die Rettung unterbleibt oder hinausgezögert wird.
  • Zudem haben wir zweitens – wie schon angedeutet – enge Kontakte zu tunesischen Gruppen aufgebaut, insbesondere zu Angehörigen tunesischer Harragas (arabisch für „Grenzverbrenner“), die bei Bootsüberfahrten ums Leben gekommen oder verschollen sind.
  • Drittens ist unser Netzwerk gegen neokolonialen Landraub bzw. Landgrabbing aktiv, also den Ausverkauf großer Wald-, Acker- und Weideflächen an global operierende Banken, Investmentfonds und Konzerne – eine Entwicklung, die unter anderem in Mali zur Vertreibung zahlreicher Kleinbauern- und bäuerinnen von ihren Feldern und Weiden geführt hat.
  • Viertens hat sich in den letzten Jahren ein enger Kontakt zu Basisinitiaitven in Togo ergeben – insbesondere zur „Assoziation der Abgeschobenen Togos“ (ATE), deren Mitglieder überwiegend aus Deutschland abgeschobenen wurden. Hierbei kommen allerdings nicht nur migrationsbezogene Fragestellungen zur Sprache. So haben im April 2014 während einer Delegationsreise malischer und europäischer Aktivist_innen in Togo auch zahlreiche Begegnungen mit Frauenkollektiven, Menschenrechtsorganisationen sowie Bauern und Bäuerinnen stattgefunden.
  • Ebenfalls eine zentrale Rolle spielen für Afrique-Europe-Interact fünftens gesamtgesellschaftliche Konflikte. Insbesondere die malische Sektion hat seit Anfang 2012 vielfältige Anstrengungen unternommen, auf die tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Krise zu reagieren, in die Mali nach der Besetzung der nördlichen Landeshälfte durch islamistische Milizen und die anschließende französische Militärintervention geschlittert ist. Darüber hinaus ist auf Initiative einiger kongolesischer Mitglieder unseres Netzwerks für 2015 eine Kongo-Konferenz unter dem Titel „Ein Kongo ohne Waffen ist möglich“ ins Auge gefasst.
  • Afrique-Europe-Interact unterstützt sechstens auf unterschiedliche Weise selbstorganisierte Proteste von Flüchtlingen und Migrant_innen in Europa. Beispielsweise haben sich mehrere Aktivist_innen unseres Netzwerks am 4-wöchigen Marsch für Freiheit von Strassbourg nach Brüssel im Frühsommer 2014 beteiligt – samt einiger Aktivist_innen aus Tunesien.

Was uns grundsätzlich eint (trotz der vielfältigen Schwerpunkte), ist die Überzeugung, dass sich an den neokolonialen Dominanz- und Ausbeutungsverhältnissen nur etwas ändern lässt, wenn soziale Basisbewegungen aus Afrika und Europa in großem Stil gleichberechtigt, verbindlich und direkt zusammenarbeiten. Dies erfordert allerdings, dass die unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen, Interessen und Selbstverständnisse sorgfältig berücksichtigt werden. Insofern spielt für Afrique-Europe-Interact nicht nur die (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit Dominanz, Paternalismus oder rassistischen bzw. eurozentrischen Vorurteilen eine zentrale Rolle. Wichtig ist auch, dass die malischen und togoischen Mitgliedsgruppen von Afrique-Europe-Interact sowie selbstorganierte Flüchtlinge und Migrant_innen in Marokko und Tunesien seitens der europäischen Sektion von Afrique-Europe-Interact im kleinen Stil finanziell unterstützt werden – Stichwort: Umverteilung praktisch angehen!