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„Zeit, sich zu erheben“

Skype-Debatte zur aktuellen Situation in Togo, erstmalig veröffentlicht im Dezember 2014 in der Zeitung Nr. 5 von Afrique-Europe-Interact

Adjovi kommt ursprünglich aus Togo und ist heute im europäischen Flügel von Afrique-Europe-Interact aktiv. Per Skype hat sie sich mit Raz von der Assoziation der Abgeschobenen Togos (ATE) über die Massenproteste der letzten zwei Jahre in Togo ausgetauscht. Die ATE ist bereits seit 2011 Mitglied unseres Netzwerks.

Adjovi: Wie schätzt du die aktuelle politische Lage in Togo ein? Gibt es Hoffnung auf einen Wandel in Togo?

Zak: Im Moment ist die Situation etwas unübersichtlich. Es gibt verschiedenste Meinungen, gleichzeitig hörte ich direkt nach den Ereignissen in Burkina Faso von vielen TogoerInnen, dass jetzt auch für uns die Zeit gekommen sei, sich zu erheben.

Adjovi: Als ich Togo vor 14 Jahren verlassen habe, gab es eine allgemeine Enttäuschung, vor allem gab es nicht die geringste Meinungsfreiheit. Und auch 2007 und 2014 musste ich bei Besuchen feststellen, dass noch immer ein gewisses Klima der Angst herrscht. Ich glaube, das kommt daher, dass die TogoerInnen immer die Armee im Hintergrund spüren, auf die sich die fast 50-jährige Diktatur der herrschenden Kreise um den früheren Präsidenten Eyadéma und seit 2005 um dessen Sohn Faure Gnassingbé stützt. Wenn die Opposition auf die Straße geht, kommt die Armee mit ihrem Tränengas und mit Schusswaffen, um sie auseinander zu treiben; sie war nie auf Seiten der Opposition.

Zak: Ich verstehe, was du meinst, aber der jetzige Präsident hat in diesem Punkt durchaus einige Zugeständnisse gemacht. Ich würde sagen, dass die Presse, die Medien und auch die Menschen auf der Straße die Regierung mittlerweile kritisieren können. Man merkt, dass es eine Veränderung gegeben hat, dass die Regierung offen kritisiert werden kann und dass es bei Protesten kaum Festnahmen gibt. Allerdings wurde eine neue Sondereinsatztruppegebildet, die zur Bekämpfung von Unruhen im Zusammenhang mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr eingesetzt werden soll.

Adjovi: Bei einer Delegationsreise von Afrique-Europe-Interact nach Togo im Frühjahr meinte eine unserer GesprächspartnerInnen, dass sich dieses Klima der Angst geändert habe, nachdem die Frauen seit 2012 auf die Barrikaden gegangen sind, die Frauen in Rot, ihr Sex-Streik und ihre Topfschlagen-Demonstrationen. Und warum sagen die Frauen heute, dass sie im Kampf in der ersten Reihe gehen? Weil die Militärs auf Frauen eher Rücksicht nehmen! Die Frauen werden mehr respektiert, sie sind die Mütter, die Ehefrauen, die Töchter. Demgegenüber sind die Repressalien seitens der Armee viel krasser, wenn die jungen Leute auf die Straße gehen. Gleichzeitig haben mir auch viele GesprächspartnerInnen gesagt, dass sie jede Gelegenheit ergreifen würden, Togo in Richtung Europa, USA oder dem Erdöl-Staat Gabun zu verlassen.

Klima der Angst geändert,
nachdem die Frauen auf die
Barrikaden gegangen sind.

Zak: Es gibt bei der Jugend verschiedene Meinungen dazu. Es gibt die jungen Leute, die für ihr Land kämpfen wollen, für grundlegende Veränderungen. Dann gibt es die, die total desillusioniert sind, vor allem wegen ihrer finanziellen Situation, und die sich selbst als die „geopferte Generation“ bezeichnen. Und dann gibt es diejenigen, die sagen, nein, hier läuft gar nichts, keine Arbeit, kein Geld, keine Zukunft. Gerade diese gut ausgebildeten und qualifizierten jungen Leute wollen unbedingt weg, weil sie die Hoffnung haben, mit ihrer Qualifikation in der Emigration Arbeit zu finden.

Adjovi: Ich würde gerne noch das Problem der Lohnauszahlungen ansprechen, wozu es oft gewerkschaftlich organisierte Streiks gab. Wie hat sich das entwickelt,?

Zak: Ich denke, da haben wir einen Erfolg erzielt. Aus meiner Sicht als Lehrer können Staatsangestellte nicht mehr sagen, dass sie nicht regelmäßig bezahlt werden. Schon am 28. des Monats haben wir unseren Lohn auf dem Konto. Was die Staatsangestellten mittels ihrer Gewerkschaften heute fordern, betrifft die Zulagen. In den verschiedenen staatlichen Dienstleitungsbereichen sind diese sehr unterschiedlich geregelt. Deswegen haben die LehrerInnen zu Beginn des letzten Schuljahres ihre Zulagen mit Streikdrohungen eingefordert. Das hat die Regierung dazu gebracht, sich zu bewegen. Sie hat veranlasst, dass in ganz Togo die LehrerInnen gesichert ihre Zulagen bekommen. Hier hat es wirklich Fortschritte gegeben.

Adjovi: Als ich Togo zuletzt besucht habe, ist mir aufgefallen, dass in Lomé viele neue Straßen gebaut werden, nicht nur die Küstenstraße zum Hafen bis Aného. Das heißt, Faure hat etwas für das Allgemeinwohl unternommen. Auf der anderen Seite deutet das auch darauf hin, dass er Angst vor einem ähnlichen Schicksal seines Regimes wie in Burkina Faso hat, wo die Regierung auch nichts zur Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse unternommen hat. Gewissermaßen erinnert mich die aktuelle Situation an das Sprichtwort: „Wenn das Dach deines Nachbarn in Flammen steht, können die Funken auf dein Dach herüber wehen“. Vielleicht werden die Funken ja herüber wehen und zusammen mit den Fortschritten, die in Togo bereits erfolgt sind, die Angst endgültig vertreiben.

Zak: Der Präsident taumelt von links nach rechts, denn er wird von den „Baronen“ dirigiert. Das ist die Herrschaftsclique um die Familie Eyadéma, hohe Militärs, Parteifunktionäre. Ich erinnere mich an eine Reise des Präsidenten nach Ghana, wo er nach einem Regimewechsel gefragt wurde. Er hat geantwortet, dass er sich bereits in der zweiten Mandatszeit befindet, und dass er weiß, dass eines Tages ein Anderer Präsident werden wird. Die Öffentlichkeit hat diese Aussage ganz genau registriert. Trotzdem will er den Verfassungsparagraphen nicht ändern, der mehr als zwei Amtszeiten ermöglicht – so wie das aber von allen gefordert wird. Dies zeigt, wie die „Barone“ Druck auf ihn ausüben, damit er die Macht nicht aufgibt. Aber Faure weiß auch: wenn etwas in deiner Nachbarschaft passiert, dann musst du davon lernen, damit dir nicht dasselbe passiert – da gebe ich dir völlig recht.