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Ohne Versorgung: Gesundheitswesen in Togo – zwischen Spardiktat und Korruption

Dezember 2014

Im April 2014 ist eine aus malischen und europäischen AktivistInnen zusammengesetzte Delegation unseres Netzwerks nach Togo gefahren. Eines von mehreren Themen war der katastrophale Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens – eingeklemmt zwischen neoliberaler Strukturanpassung und korruptem Staat. Nicht minder bestürzend ist die Begegnung mit einer Frau gewesen, die trotz ernsthafter Erkrankung 2004 aus Deutschland abgeschoben worden ist.

In Lomé war es vor allem der Medizinprofessor und Gesundheitsgewerkschafter Dr. David Dosseh, der uns eindrücklich erläutert hat, inwiefern der öffentliche Gesundheitssektor in Togo nicht in der Lage ist, den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung zu genügen. NotfallpatientInnen müssen tagelang warten, wenn sie nicht das Geld für die benötigten Produkte bei sich haben. Alles von Handschuhen bis zu Spritzen und Sauerstoff wird extra verschrieben. Für ganz Togo gibt es nur ein einziges Dialysezentrum, es fehlt zudem an spezialisiertem Personal und FachärztInnen: Nicht einE KrebsspezialistIn in Togo, keine AnästhesistInnen außerhalb der Hauptstadt, hohe Säuglingssterblichkeit aufgrund von fehlenden GeburtsärztInnen! All das müsste nicht sein, denn eigentlich gibt es viele gut ausgebildete togoische SpezialistInnen. Schlechte Bezahlung und belastende Arbeitsbedingungen mit mangelhafter Ausstattung drücken jedoch auf die Motivation der Beschäftigten, sodass viele dem Land den Rücken gekehrt haben und heute in Europa arbeiten.
Privatkliniken sind nur für eine privilegierte Minderheit erschwinglich. Denn Gesundheits- und Sozialversicherung existiert für die meisten TogoerInnen nicht, für Staatsbedienstete erst seit 3 Jahren. So gehen viele an verschleppten Krankheiten zu Grunde, manche verkaufen ihren kompletten Besitz für eine lebensrettende Behandlung.
Der Mangel ist in erster Linie eine Folge gravierender Unterfinanzierung: Trotz des 2001 gefassten Beschlusses der afrikanischen Regierungen, mindesten 15% ihres Staatshaushalts für Gesundheitsausgaben aufzuwenden, pendelt der Gesundheitsetat in Togo zwischen 3 und 6% – Ergebnis jahrelanger, von IWF und Weltbank rigide verfügter Kürzungspolitik. Hinzu kommt ein auf Korruption und skrupellose Selbstbereicherung ausgerichtetes politisches System: 900 Milliarden Francs CFA aus dem togoischen Staatshaushalt versickern im Schnitt jährlich, die Verantwortlichen können sich dabei auf ein System der Straflosigkeit verlassen. Doch die Zustände bleiben nicht unwidersprochen: So haben ÄrztInnen und Gesundheitspersonal – organisiert unter anderem in der Gewerkschaft SYNPHOT – 2011 mit einem Streik erfolgreich Erhöhungen von Nachtwachen- und Risikozulagen erkämpft.

Was das konkret bedeuten kann, hat uns Koulou Kouloubia in einem bewegenden Interview geschildert, die 1997 nach Deutschland gekommen und 2004 trotz massiver Proteste aus München abgeschoben worden ist: “Meine Hüfte war 1993 in zwei Teile zerbrochen. In München wurde ich daher im Klinikum Großhadern operiert. Nach der OP schickte man mich zu einer Ärztin zur Weiterbehandlung. Ich war einmal pro Monat bei ihr und bekam meine Rezepte. Die deutschen Behörden lehnten jedoch mein Asyl ab, bis zur Abschiebung war ich einen Monat im Gefängnis. In Togo habe ich versucht, wieder ein bisschen Handel auf dem Markt zu treiben, auch meine Schwester half mir. Doch das in Deutschland eingesetzte Metallverbindungsstück zur Stabilisierung meiner Hüfte ist 2013 zerbrochen, seitdem kann ich nichts mehr machen. Am Anfang konnte ich noch laufen, aber seit einem Jahr sitze ich zu Hause. Es ist sehr schwierig, mich auf Krücken fortzubewegen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit mir noch zum Leben bleibt. Ich habe verschiedene Krankenhäuser in Afrika aufgesucht: Wir waren im Sylvanus Oliympio-Krankenhaus in Lomé, allerdings war nicht das richtige Werkzeug verfügbar, um das zerbrochene Metallstück zu entfernen. Also reisten wir nach Ghana, wo der zuständige Arzt das benötigte Material von einem europäischen Freund besorgen konnte, aber die OP sollte uns 2 Millionen Francs CFA kosten. Mein Sohn verkaufte sein Motorrad und mit dem Mann meiner Tochter und meiner jüngeren Schwester bekamen wir das Geld zusammen. Ich wurde operiert, aber bis jetzt kann ich nicht wieder gehen. Für die Folgebehandlung hätte ich alle 3 Monate 150.000 CFA zahlen müssen. Aber ich habe diese Summe nicht. Vor der Abschiebung hatte man mir offiziell versprochen, die notwendigen Medikamente zu schicken, aber ich habe nie etwas erhalten. Ich möchte mich daher in Europa erneut einer Operation unterziehen, die es mir ermöglicht, eines Tages wieder zu gehen.”